Oliver Jahraus
Die Verfügbarkeit und die Unverfügbarkeit des Mediums.
Zum Verhältnis von Mensch und Medium
Abschnitt 3

   
             
 
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5. Wenn man nun alle diese Differenzierungsmerkmale, die ich eher punktuell aufgelistet habe, zusammennimmt, so erkennt man eine weitere Differenz, die allerdings die Differenzierung in einem anderen Licht erscheinen lässt, um nicht zu sagen, diese Differenzierung wieder aufhebt. Wenn man davonausgeht, dass Positionen Beobachtungsresultate sind und Beobachtungen mit Differenzierungen arbeiten, so kann man erkennen, dass beide Positionen von Beobachtungen herrühren, die mit unterschiedlichen Differenzen arbeiten. Ein Beobachter höherer Ordnung kann, so wie ich es getan habe, beide Positionen in ein Differenzverhältnis setzen; allerdings operiert diese Beobachtung mit einer Differenz, die nicht mit einer der Differenzen der Beobachtungen in den beiden Positionen identisch ist. Das bedeutet, eine Beobachtung höherer Ordnung, also eine Beobachtung dieser beiden Beobachtungen, kann sehen, dass beide Beobachtungen - anders als es die Gegenüberstellung vielleicht vermuten ließe - kompatibel sind. Konstruktivistisch gewendet: Die eine Beobachtung erzeugt eine Welt, in der die andere Beobachtung immer noch möglich ist. Im Rahmen einer umgreifenden Medientheorie beruht diese Differenzierung auf einem unterschiedlichen Komplexitätsniveau; das bedeutet, dass diese Differenz nicht als Dichotomie verstanden werden kann.

Aussagentheoretisch formuliert: Beide Positionen können gleichzeitig behauptet werden, ohne dass man in einen Widerspruch gerät. Beobachtungstheoretisch formuliert: Es liegen zwei unterschiedliche Beobachtungen mit unterschiedlichen Differenzierungen vor. Rechnet man auf die Beobachtungsposition zurück, so kann man sagen, dass hier zwei verschiedene Beobachter beobachten. Es stellt sich die Frage, inwieweit ein höherstufiger Beobachter diese Kompatibilität noch beobachten kann, wie also diese beiden Medienbegriffe, die hier wie dort beobachtet werden, begrifflich differenziert werden können, wie also schließlich die Einheit der Differenz der beiden Medienbegriffe beobachtet werden kann.

Nebenbei bemerkt, halte ich diese Frage für zentral, was die Konstitution einer Medientheorie und darauf aufbauend einer Medienwissenschaft angeht; sie muss sich nicht auf einen Medienbegriff einigen, sie muss aber diese Einheit der Differenz(en) angeben können, um selbst als einheitliches Beobachtungssystem, das heißt als Theorie und als Wissenschaft firmieren zu können, was wiederum die Voraussetzung darstellt, um institutionell etabliert zu werden.

Ich greife nun noch einmal einige Beobachtungen auf, um einen Vermittlungsvorschlag zwischen beiden Positionen anzudeuten. Die beiden Positionen sind natürlich Verkürzungen, die dazu dienen, die Konturen in diesem Diskussionsfeld deutlicher nachzuzeichnen, was schließlich auch dazu beitragen soll, den Vermittlungsvorschlag deutlicher zu akzentuieren. Um einen solchen Vorschlag zu machen, sind aus methodischer Sicht Konstruktivismus und Systemtheorie, auch in ihrer Verzahnung, geeignet, weil sie selbst mit Differenzen operieren, auf Einheiten in Differenzen abstellen und das Differenzierungsprinzip der Beobachtung explizit handhaben. Mit diesem methodischen Vorteil ist auch ein inhaltlich-thematischer gegeben, der erst dann zutage tritt, wenn man erkennt, wie die zu vermittelnden Positionen operieren.

An der Übertragung des Apriori-Begriffs (s.o.) wurde das am deutlichsten: Beide Positionen arbeiten mit Transzendentalisierungen. Selbst dort, wo der Mensch in seiner empirischen Selbstverständlichkeit genommen wird, markiert diese Selbstverständlichkeit eine Grenze der Unhinterfragbarkeit, der theoretischen Unhintergehbarkeit. Wie ich es deutlich zu machen versuchte, übernimmt die Gegenposition diese Transzendentalisierung (ğAprioriĞ)und überträgt sie vom Menschen auf das Medium. In beiden Fällen liegt eine wechselseitige Immunisierungsstrategie vor, die die Transzendentalien(Mensch oder Medium) aus der Konstitution des jeweils anderen herausnimmt. Die Differenz dieser Positionen besteht also in der gleichlaufenden, aber entgegengesetzten Konstitutionsrelation, in die sie jeweils Mensch und Medium setzen. Die Einheit der Differenz müsste demnach in der Wechselseitigkeit dieser Konstitutionsrelationen bestehen. Wechselseitigkeit bedeutet aber in diesem Fall die Abkehr von einem statischen Modell zugunsten eines dynamischen Modells von operativer Prozessualität, in dem sich erst beide Seiten wechselseitig konstituieren.

Das objektivistische Modell arbeitet mit der Differenz von Subjekt und Objekt. Die Differenzierungsleistung zwischen Mensch und Medium hat dabei einen doppelten Effekt. Indem nämlich das Medium objektiv konstituiert wird, konstituiert damit gleichzeitig sich der Mensch als Subjekt. Anders gesagt: Die Subjektivität des Menschen drückt sich darin aus, dass er Medien als Objekt behandelt und nutzt. Indem die andere Position dieses Verhältnis auf den Kopf stellt, verändert sie auch den Charakter dieser Relation. So kann man zwar beobachten, wie die Medien selbst Subjektstatus erhalten, der Mensch aber dadurch nicht zum Objekt wird, sondern eher zum Simulakrum oder Effekt. Medien erzeugen den Menschen als Subjekt der Medien, um selbst Subjekt sein zu können. Diese intentionale Redeweise bekräftigt geradezu den Subjektstatus, der so den Medienzukommt.

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Anmerkungen

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