Oliver Jahraus
Die Verfügbarkeit und die Unverfügbarkeit des Mediums.
Zum Verhältnis von Mensch und Medium
Abschnitt 4

   
             
 
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Dennoch gibt es eine weitere verblüffende Parallelität zwischen diesen Positionen. Als Beobachtungsresultate geben sie nämlich Muster vor, wie auf Beobachter als Instanzen der Beobachtung zurückgerechnet werden kann. Die objektivistische Position mit der operativen Differenz von Subjekt und Objekt ist auf einen Beobachter zurückzurechnen, der in der Beobachtung selbst noch einmal auftaucht, und zwar in der Position des Menschen. Ein Beobachter, der mit der Differenz von Subjekt und Objekt beobachtet, rückt zwangsweise in die Subjektposition. Wo demnach mit dieser Differenz zwischen Mensch und Medium differenziert wird, ergibt es sich, dass der Mensch selbst diese Beobachterposition ausfüllt.

Im umgekehrten Fall verhält es sich - und das ist das Verblüffende - parallel. Hier übernimmt das Medium selbst die Beobachterposition und beobachtet das Verhältnis von Medium und Mensch. In beiden Fällen liegt eine konstitutive Re-entry-Konstellation vor, in der die Unterscheidung der Beobachtung in das durch sie Unterschiedene wieder eintritt und eben dadurch wird, was es ist. Die Einheit bzw. Gemeinsamkeit dieser beiden Positionen besteht somit darin, dass sie selbst die Differenz mit der Differenz beobachten, in der sie stehen. Und diese Autoreflexivierung ist der Grund für die Transzendentalisierung der einen Seite in der Differenz, um das Differenzierungsmuster überhaupt noch stabil zuhalten. Menschen und Medien beobachten die Differenz von Mensch und Medium - je nachdem.

Ein Vermittlungsvorschlag muss also genau dazu wiederum eine Differenz formulieren. Zu diesem Zweck muss eine Instanz eingeführt werden, die das Verhältnis von Mensch und Medium beobachtet, ohne selbst Mensch oder Medium zu sein. Um es gleich anzumerken: Natürlich sind es immer noch Menschen, die auch eine solche Beobachtung anstellen, aber sie fließen nicht als Menschen in diese Konzeption mit ein. Dies kann aber nicht dadurch geschehen, dass eine einzige Instanz angenommen wird, die das Verhältnis von Mensch und Medium beobachtet, weil sich dann das Verhältnis nur strukturgleich wiederholen würde. Es geht aber nicht um Struktur, sondern um Prozess!

Für die Frage, wie das Verhältnis von Mensch oder Subjekt und Medium zu beobachten sei, zeichnet sich ein komplexer Lösungsvorschlag aus Konstruktivismus und Systemtheorie ab, dessen Pointe darin besteht, die Differenz von Mensch und Medium mit einer querliegenden Differenz so zu überlagern, dass diese als Prozessierungsinstanz fungiert, die die Differenz von Mensch und Medium prozessiert. Diese Differenz ist als Differenz von Bewusstsein und Kommunikation und ihr Prozessieren als strukturelle Kopplung gefasst worden. Sie geht auf eine Idee von Humberto Maturana zurück, hat in stark modifizierter Form Eingang in Luhmanns Systemheorie gefunden, ist von S.J. Schmidt rekonzeptualisiert worden, um insbesondere das Prozessieren von Medien zu modellieren und ist neuerdings von Friedrich W. Block aufgegriffen worden, um genau den »prekäre[n] Zusammenhang von Subjektivität und Medien« zu erhellen.5

Ich verzichte auf eine ausführliche Diskussion und vermerke nur den wichtigsten Bestandteil der strukturellen Kopplung:6 Beide Systeme, Bewusstsein und Kommunikation, sind wechselseitig füreinander intransparent und unzugänglich. Daher leisten Medien diese strukturelle Kopplung, und zwar so, dass das Prozessieren des jeweils anderen Systems den Prozess des einen Systems so am Laufen erhält, dass dies wiederum den Prozess des anderen Systems vorantreibt, und so weiter ad infinitum.

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Anmerkungen

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