Oliver Jahraus
Die Verfügbarkeit und die Unverfügbarkeit des Mediums.
Zum Verhältnis von Mensch und Medium
Abschnitt 5

   
             
 
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Voraussetzung ist, dass sowohl Bewusstsein als auch Kommunikation als prozessierende Systeme defizitär sind. Als Prozesse sind sie differentiell, das heißt in keiner Prozessphase sich selbst präsent; sie sind sich beide immer schon voraus. Insofern kann kein Prozess den Impuls zum Prozessieren aus sich selbst heraus entwickeln. Pointiert gesagt: Bewusstsein und Kommunikation machen aus ihrer Not, das heißt ihrer Intransparenz und Differentialität, eine Tugend, das heißt: strukturelle Kopplung. So entsteht Ko-Prozession der Systeme bei gleichzeitiger Wahrung der Systemgrenzen. Das Subjekt kann als Prozess der strukturellen Kopplung bezeichnet werden, womit dann ein Vermittlungsmodell von Medien und Mensch/Subjekt gegeben ist. Das Subjekt wird somit zu einer nachträglichen Identifikation des differentiellen Prozesses der strukturellen Kopplung. Dieser Prozess ist überhaupt immer nur als Prozess; solange also dieser Prozess am Laufen ist, kann von einem Subjekt gesprochen werden, das dann auch als Mensch überhöht werden kann. Dieser Prozess ist nie sich selbst präsent und daher ungreifbar. Der Name des Subjekts ist nachträgliche Identifikation der Differentialität, die das Subjekt ausmacht. Allerdings schafft diese Identifikation erst die Voraussetzung für die Konstruktion einer Selbstpräsenz des Differentiellen, mithin für das Selbstverständnis des Subjekts als Subjekt. So vermittelt die strukturelle Kopplung Medien und Subjekt(ivität). Daraus entsteht ein komplexes Wechselverhältnis von Differentialität und Entdifferentialisierung. Medien sind die differentielle Voraussetzung für die prozessuale Konstitution von Subjektivität; doch Subjektivität ist ein solcher Effekt des Prozesses, der die Differentialität des Prozesses entdifferentialisiert, um somit Selbstpräsenz zumindest prozessual imaginativ zu realisieren, um also aus der Unverfügbarkeit heraus die Idee der Verfügbarkeit zu konstruieren. Das Medium ist unverfügbar, weil es in diesem Prozess keine Instanz gibt, die hinter das Medium zurückgehen kann. Es ist aber für diese Subjektivität so verantwortlich, dass es diese Idee der Verfügbarkeit hervorruft. Anders gesagt: Auf der prozessualen Ebene, der Ebene des sich vollziehenden Prozesses, ist das Medium unverfügbar, auf der Ebene des vollzogenen Prozesses ist das Medium verfügbar und als technisches Medium re-identifizierbar. Das Subjekt ist die differentiell erzeugte Instanz zur Selbstentdifferentialisierung jenes Prozesses, aus dem es hervorgegangen ist. Die Verfügbarkeitdes Mediums erzeugt die Idee des apriorischen Subjekts, die Unverfügbarkeit des Mediums hingegen die Idee des epiphänomenalen Subjekts.

Im Rahmen der unterschiedlichen Konzeptualisierungsvorschläge der strukturellen Kopplung ist auch das Verhältnis von Mensch und Kommunikation in den Blickpunkt geraten. Während Luhmann ein subjektloses Kommunikationskonzept vorstellte, hat S.J.Schmidt am Menschen als Instanz der Kommunikation festgehalten. Er hat zurecht darauf aufmerksam gemacht, dass erst die konzeptionelle Differenzierung von Bewusstsein und Kommunikation theoriebautechnisch zu der Luhmannschen These führt, nur Kommunikation könne kommunizieren.7 Ich gehe davon aus, dass die Luhmannsche Differenzierung notwendig ist, um strukturelle Kopplung zu modellieren, dass aber dennoch das Problem, wie Mensch und Kommunikation zusammenhängen, umgegangen werden kann, wenn man die darin implizierte Problemlage auf das Verhältnis von Mensch und Medium verlagert. Als querliegende Differenz kann man nämlich auf die theoriebautechnischen Vorteile eines subjektlosen Kommunikationskonzept zurückgreifen, ohne auf das Subjekt, das seinerseits eine unumgängliche Position in der Theoriekonstellation darstellt, verzichten zu müssen. Subjektlose Kommunikation erlaubt nämlich, strukturelle Kopplung als differentiellen und selbstlaufenden Prozess zu konzeptualisieren, nicht trotz, sondern gerade wegen der Intransparenz und Defizienz der Einzelprozesse von Bewusstsein und Kommunikation.

Das Medium ist verfügbar und unverfügbar gleichermaßen, es hängt nur davon ab, ob der Medienbeobachter das Medium oder den Mensch/das Subjekt fokussiert. Wer ist denn dieser Medienbeobachter? Beobachtung setzt, wie gesagt, das systematische Potential der Differenzierung und der Bezeichnung voraus. Im Grunde genommen gibt es auf basaler Ebene nur zwei Systeme, die dazu in der Lage sind: Bewusstsein und/oder Kommunikation. Da ihr Prozessieren immer schon in struktureller Kopplung umgriffen ist, kann man den Prozess der strukturellen Kopplung selbst als Beobachtungsinstanz, so differentiell wie Beobachtung an sich, auffassen. Da die Position in den Prozess involviert ist, fallen Beobachter und Beobachtung im Prozess ohnehin zusammen. Von hier aus beobachtet, stellen Subjekt bzw. Medium lediglich zwei alternative Beobachtungswinkel dar. Was immer fokussiert wird, auf der Grundlage der (querliegenden) Differenz von Subjekt und Medium, erscheint es selbst als differentiell und die andere Seite dieser Differenz eben als entdifferentialisiert, d.h. entweder als verfügbar oder unverfügbar. Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit des Subjekts hier und des Mediums dort werden somit zu komplementären Beobachtungsresultaten aus der Beobachtung der strukturellen Kopplung.

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Anmerkungen

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