Hartmut Jonas

Literarische Kommunikation im Netz

   
             
 
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Meine erste intensive Begegnung mit den wissenschaftlichen Auffassungen S. J. Schmidts erfolgte im Zusammenhang des Schreibens einer kurzen Annotation zur Publikation »Rezeptionsforschung zwischen Hermeneutik und Empirik« (1987), die seinen Aufsatz »Text - Rezeption - Interpretation« enthielt. Zwar bin ich schon früher auf Veröffentlichungen von S. J. Schmidt gestoßen, etwa auf »text bedeutung ästhetik« (1970), doch war die Reaktion darauf bei mir nicht so nachhaltig wie im Falle des angeführten Aufsatzes. Möglicherweise lag es daran, dass seit dem Paradigmenwechsel in der DDR-Literaturwissenschaft, unmittelbar veranlasst, nicht verursacht durch »Literatur - Gesellschaft - Lesen« (1973) Fragen des Verhältnisses von Text, Rezeption und Interpretation immer wieder aufgegriffen, erneut diskutiert und im Lichte verschiedener Theorieansätze auch weitergeführt worden sind. Vor allem durch die sich allmählich entwickelnde empirische Rezeptionsforschung ergab sich zwangsläufig die Konsequenz, diese und andere Grundverhältnisse aus literaturwissenschaftlicher und -didaktischer Sicht neu zu durchdenken. Das Anregende des Bandes »Rezeptionsforschung zwischen Hermeneutik und Empirik« bestand vor allem auch darin, dass der hermeneutisch argumentierenden Literaturwissenschaft andere, eben konstruktivistisch fundierte entgegengesetzt wurden, die bisher vertraute Denkweisen im produktiven Sinne in Frage stellten, zumindest problematisierten. Denn die marxistische Literaturwissenschaft war letztlich in einem spezifischen Sinne hermeneutisch geprägt, ohne dass dieser Begriff bewusst verwendet worden wäre, ging man doch lange davon aus, dass Texte Bedeutungen vermittelten und dass man ihnen durch geeignete Prozeduren der Analyse und Interpretation auf die Spur kommen könnte, die sich im Bewusstsein der Leser abbilden würden. Zwar wurde seit den siebziger Jahren der Abbildbegriff wesentlich differenzierter verwendet (vgl. Schlenstedt 1981), als in einer Reihe von Publikationen behauptet wurde, wie beispielsweise die simplifizierenden Positionen von Emmerich (1997, 11ff.) und Barner (1994, 922) zeigen, doch hatten es gerade die eben nicht mechanistisch argumentierenden Auffassungen schwer sich durchzusetzen, die im Gegensatz zur offiziösen Forderung nach dem Nutzen und zur Wirkung-Bringen der »unerschöpflichen Potenzen (der - d. Verf.) Literatur für die Herausbildung allseitig entwickelter Persönlichkeiten« (Koch 1986, 464) die relative Eigenständigkeit des Lesers im Verhältnis zum Autor und zum Text betonten, die durch die angeführte Publikation »Gesellschaft - Literatur - Lesen« in der DDR in die Debatte gebracht und durch die empirische Rezeptionsforschung weiter gestützt worden war. Denn gerade im Ergebnis der empirischen Untersuchungen zur Rezeption literarischer Texte durch verschiedene Lesergruppen konnte sehr deutlich vor Augen geführt werden, dass der Leser Bedeutungen nicht ermittelt oder übernimmt, sondern sie selber aufgrund seiner Erfahrungen und Fähigkeiten produziert. Mit dieser Position war ein Zugang zu den von S. J. Schmidt in diesem Beitrag und in vielen anderen Büchern und Aufsätzen dargestellten konstruktivistischen Positionen eröffnet. Vor allem haben mich seine Aussagen zum Literatursystem, zur literarischen Kommunikation, zum Verstehensproblem, zu den Medienschemata und zur Funktion und Struktur der Literaturwissenschaft als eine spezifische Medienwissenschaft interessiert.

Im nachfolgenden Teil soll am Beispiel eines neuen Mediums, das auch der literarischen Kommunikation dient, verdeutlicht werden, wie grundlegende Positionen S. J. Schmidts produktiv werden können.

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Abschnitt 2

Abschnitt 3

Literatur

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