Helmut Kreuzer:

Zum vormärzlichen Bohème-Kreis der ›Freien‹ um Bruno Bauer und Max Stirner, nebst Bemerkungen über Siegfried J. Schmidt und seinen Fiktionalitätsbegriff.

I.

Als ich in den 70er Jahren im Gründungssenat der Universität-GH Siegen saß, waren es Stuttgarter Erfahrungen, die mich veranlassten, Kontakt mit Siegfried J. Schmidt aufzunehmen, um ihn für Siegen zu gewinnen.

Fritz Martini hatte mir in Stuttgart 1960 seine Assistentenstelle angeboten. Ich verbrachte in Stuttgart fünf Jahre und habilitierte mich dort. Martini hatte auch die Emigrantin Käte Hamburger nach Stuttgart geholt; er habilitierte auch sie mit dem Manuskript ihres Hauptwerks (»Die Logik der Dichtung«) und ermöglichte ihr damit eine Lehrtätigkeit, die kraft ihrer theoretisch-phänomenologischen Orientierung und kraft ihrer Kompetenz in der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft auch Studierende aus Nachbarfächern, darunter Philosophiestudenten, anzuziehen vermochte, so wie auf der anderen Seite der Stuttgarter Philosoph Max Bense kraft seiner ästhetisch-literarischen Orientierung auch Philologiestudenten mit seinen Vorlesungen und Seminaren anzog. Bense bekannte sich ausdrücklich dazu, Rationalist und Atheist zu sein; er entwarf eine Informationsästhetik, die darauf angelegt war, ihre Urteile auch statistisch zu fassen und empirisch zu begründen. Er liebte es, im Radio und im Fernsehen diskussionsfreudig aufzutreten, rhetorisch kühn zu pointieren und sich auch essayistisch an eine breitere Öffentlichkeit zu wenden. Er war einer der führenden Köpfe in der Literatur- und Kunstszene der ›experimentierenden‹ Avantgarde jener Jahre, veranstaltete Ausstellungen und Lesungen und schrieb selber ›experimentelle Texte‹. CDU-Politiker in Stuttgart fühlten sich von ihm so provoziert, dass sie der TH Stuttgart eine zweite Philosophie-Professur bewilligten, unter der Auflage, dass sie mit einem christlich orienierten Philosophen zu besetzen sei. (So kam Robert Spaemann nach Stuttgart, dem freilich nur allzubald von der Universität München ein größerer Wirkungskreis mit Erfolg angeboten wurde).

Als ich 1972 von Bonn nach Siegen kam, war abzusehen, dass weitere Professuren sowohl für germanistische Linguistik (auf die ich hier nicht weiter eingehe) wie auch für Mediävistik und für neugermanistisch-komparatistische Literaturwissenschaft sich noch einrichten ließen, sobald die Studenten für diese Fächer herbeizuströmen begannen. (Die Didaktik der Literatur und Sprache für Lehramtsstudenten vertraten in Lehre und Forschung die Professoren der früheren PH Siegerland; für Interessenten an der Theorie und Praxis des Darstellenden Spiels, der Fachsprache, der Kommunikation war durch Professoren der früheren Fachhochschule gesorgt.)

Es erschien mir nicht sinnvoll, weitere Professuren des Faches in der Weise zu besetzen, die mir an Universitäten mit sogenannten ›Parallel-Lehrstühlen‹ begegnet war, wo die Professoren eines Faches ihrem Typ, ihrer Lehre, ihrer Forschung nach einander ähnelten und nicht (wie bei den Philosophen und Literaturwissenschaftlern in Stuttgart) markante Gegenpositionen einnahmen.

Wenn ich mich umsah, wer die Stuttgarter Rolle Benses in Siegen spielen konnte, fand ich nur einen, der in bestimmten Punkten nicht nur bestehen konnte, sondern schon in jungen Jahren exzellierte: Siegfried J. Schmidt. Er war wie Bense von Hause aus Philosoph; er hatte sich wie Bense in der Theorie der Ästhetik ausgewiesen; er hatte sich als Linguist bewährt und mittlerweile auch auf dem Feld der empirischen Literaturwissenschaft theoretisch und praktisch Meriten erworben. Und er hatte sich in die literarische Avantgarde integriert. (Heute leitet er in Münster ein Institut für Kommunikationswissenschaft.) Schmidt unterschied sich dadurch von Bense, dass er weder Theologen noch Politiker noch Ministerialbeamte je öffentlich provoziert hatte, so dass das Ministerium ihn widerstandslos berufen würde, wenn er von den Gremien auf dem ersten Listenplatz vorgeschlagen würde. Allerdings war damit zu rechnen, dass der dynamische Schmidt irgendwann der Versuchung nicht mehr widerstehen konnte, einer Berufung in ein neues Fach an eine Universität wie die in Münster zu folgen, die niemand dazu gebracht hätte, einen Bense zu berufen. Aber das war 1972 eine cura posterior.

Kurz: Erfahrung und Überlegung geboten, Siegried J. Schmidt zu einer Bewerbung zu animieren und eine wissenschaftliche Konstellation der TH Stuttgart aus den frühen 60er Jahren wenigstens in der Auf- und Ausbauphase der Universität-GH Siegen produktiv zu aktualisieren - wie es denn auch geschehen ist. Schmidt übernahm einen der jungen Germanisten, die mit mir von Bonn nach Siegen gezogen waren, als Assistenten und Habilitanden: Reinhold Viehoff, und hat es nie bereut.

II. Zum Fiktionalitätsbegriff.

Nachdem im ersten Teil dieses Beitrags skizziert worden ist, was mich dazu bewogen hat, Siegfried J. Schmidt für Siegen gewinnen zu wollen, will ich im zweiten Teil die Herausgeberfrage beantworten, worin ich mit Schmidt nicht übereinstimme. Während der erste Teil sich auf eine bestimmte Situation bezog, beschränkt sich der zweite Teil auf ein spezielles Exempel, gibt aber kein pauschales Urteil ab über eine Summe von Übereinstimmungen oder Abweichungen. Die Auffassungsdifferenz, die ich aufzeigen will, verweist jedoch auf unterschiedliche wissenschaftliche Biographien und Lebenskontexte - in meinem Fall auf die Habilitation in Stuttgart im literaturwissenschaftlichen Kreis um Fritz Martini und Käte Hamburger - in Schmidts Fall auf seine Herkunft aus dem Bielefelder Kreis mit Linguisten wie Weinrich und Petöfi und auf seine Orientierung an einem internationalen Beziehungsgeflecht, auf das Schlüsselzitate im vierten Kapitel des theoretischen Teils seines Buches »Elemente einer Textpoetik«, München 1974, verweisen.

In diesem Kapitel geht Schmidt der Frage nach, ob »Fiktionalität eine linguistische oder eine texttheoretische Kategorie (ist)« (S. 71). Die Frage stellt sich ihm im Zusammenhang mit dem Versuch, die »Differenzqualitäten von literarischen und nicht-literarischen Texten« festzulegen. Charakteristisch ist dabei, dass Schmidt nicht nur »innerlinguistisch« operiert, sondern die zu unterscheidenden Texttypen »auch als Typen sozio-kommunikativen Handelns, also als Funktionstypen« (S. 71) betrachtet. Er bezieht sich nicht nur auf den isolierten Text als solchen, sondern auf die »literarische Kommunikation«, d.h. den »Bereich der Produktion, Textgestalt und Rezeption als literarisch eingestufter Texte« (S. 72). Literarische Kommunikation ist für ihn eine »Teilkomponente ästhetischer Kommunikation, die ihrerseits eingebettet ist in die gesamtgesellschaftliche Kommunikation« (S. 72). Diesen Hypothesen wie auch den weiteren Annahmen Schmidts über Textbildung, kommunikatives Handlungsspiel und dessen Voraussetzungen vermag ich zu folgen, auch noch der These, dass Sprache sich nicht unmittelbar auf Wirklichkeit bezieht, dass vielmehr »Sprecher in kommunikativen Handlungsspielen Textkonstituenten (...) als Instruktionen (interpretieren), sich auf Wirklichkeit (...) zu beziehen« (S.77). »Textrezeption kann auf dieser Basis bestimmt werden als ein Vorgang der Regelinterpretation bzw. des inhaltlichen Ausfüllens von Instruktionen« (S. 77).

Problematisch wird für mich das nächste Kapitel Schmidts über »Fiktionalität als sozio-kommunikative und textsemantische Kategorie«. Schmidt eröffnet es mit einem Satz, der umstandslos behauptet, die Charakteristika des literarischen Textbereichs der ästhetischen Kommunikation (die ihrerseits ein Teilbereich der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation ist) ließen sich »global in drei Merkmalen« zusammenfassen: »[- soziale Sanktion], [+ Fiktionalität], [+ ästhetische Kompetenz].«(S. 78)

Da ich mich an dieser Stelle auf eine einzige Abweichung von Schmidt beschränke, greife ich kurzerhand das angegebene »Merkmal« der Fiktionalität heraus. »Fiktionalität« ist hier offenbar eine dem literarischen Phänomen selber zugeschriebene Eigenschaft, und zwar, wenn Schmidt Recht hätte, eine Eigenschaft jedes literarischen Phänomens. Das erscheint mir entweder als Tautologie (dann wäre Fiktionalität einfach bedeutungsgleich mit Literarizität, was freilich der Wortbedeutung widerspricht) oder aber als Irrtum. Der sprachlich anspruchsvolle Essay, ›literarisch‹ geformt, ohne Banalitäten und Trivialitäten, gilt allgemein als Literatur, ja er kann Kritiker so beeindrucken, dass sie ihn unter die ›Meisterwerke der Literatur‹ rechnen; aber ich sehe für mich keine Möglichkeit, den Essay unter die fiktionalen Gattungen zu rechnen. Ich rechne diesen auch nicht das Natur- oder das Liebesgedicht zu, den Hochzeitscarmen, die begeisterte und begeisternde Hymne, das politische oder religiöse Lied. Sie alle sind nach meinem Verständnis nichtfiktional (wenngleich sie als fiktive Lieder in einem fiktionalen Roman oder Drama gesungen werden können). Sie sind es auch dann nicht, wenn sie kraft ihrer Reim- und Versform, ihrer Metaphern und ihrer Symbole, ihrer Ausdrucks- und Bildkraft, ihrer poetischen Lizenzen und Ornamente von jedermann der ›künstlerisch wertvollen‹ Lyrik und damit der ›Literatur als Kunst‹ zugerechnet werden. Sie sind für mich nicht fiktional, weil sie die Form der ›Wirklichkeitsaussage‹ haben (ob sie nun ›wahr‹ sind oder nicht), während die fiktionalen Gattungen der Literatur (z.B. der in der dritten Person erzählte Roman mit seinem »epischen Präteritum«, seinen fiktiven Handlungen und fiktiven Figuren) die Form der ›Nichtwirklichkeitsaussage‹ haben (auch dann, wenn der Stoff einer vorgegebenen Wirklichkeit entnommen ist und das fiktive Personenensemble realen Modellen nachgebildet ist). Näheres ist nachzulesen in Käte Hamburgers »Die Logik der Dichtung« (2. Auflage, Stuttgart 1968).

Ich will damit nicht bestreiten, dass Kunstprodukte eine Gemeinsamkeit haben, dass sich das künstlich ›Geschaffene‹ von ästhetischer Qualität vom natürlich ›Gewordenen‹ (ohne personalen gestaltenden Urheber) unterscheidet. Ich bestreite nur, dass Kunstprodukte unabhängig von ihrer Gattung generell das Merkmal der Fiktionalität haben (wie ich auch bestreiten könnte, dass Kunstwerke sicher sind vor sozialen Sanktionen). Das Unterscheidungsmerkmal ist auch nicht ihre ›Schönheit‹: manches natürlich Gewordene kann schöner anmuten als manches künstlich Geschaffene und künstlerisch Gestaltete. Aber ich räume ein: Der gemalte Apfel, das Spiel der Musiker, die Verse einer Dichtung ›sind‹ nicht nur etwas (wie Äpfel, Töne und Druckstöcke), sie ›bedeuten‹, und sie provozieren dadurch unser Interesse, unsere Deutung, unser Urteil. Wenn wir über ihre Schönheit - oder ihre sonstigen Qualitäten - staunen, dann bewundern wir nicht ihr ›So-Gewordensein‹, sondern die Art ihres ›Gemachtseins‹. Wir befragen die Werke der Literatur nicht generell nach ihrem praktischen ›Nutzen‹ (wie Gebrauchsgegenstände), sondern nach ihrem ›Sinngehalt‹. Wenn wir sie in ihrer Eigenschaft als Kunstwerke beurteilen, dann fragen wir auch nicht primär nach ihrem materiellen Wert (der ihnen als Handelsobjekten zukommt), sondern z.B. nach dem Maß ihres ›Geglücktseins‹, nach dem Grad, in dem es ihren Autoren gelungen ist, unter den Bedingungen der jeweiligen Gattung einen eigentümlichen ›Sinngehalt‹ von besonderem Interesse für die angesprochenen Literaturrezipienten in angemessener Form zum Ausdruck zu bringen.

III. Zum vormärzlichen Bohème-Kreis der »Freien« um Bruno Bauer und Max Stirner.

Wie die Herausgeber dieser Festsite wissen (aber vielleicht noch nicht deren Adressat), habe ich seit einiger Zeit eine Augenkrankheit, die zur Leseunfähigkeit führen wird. Zu den Projekten, die ich (ohne große Hoffnung) vorher abzuschließen versuchen will, gehört der zweite Band meines Bohème-Buches von 1968. Er soll die typisierende Darstellung der Bohème durch eine historisch-individuell differenzierende Darstellung ergänzen. Eine Skizze mag im folgenden diese Absicht am Beispiel eines historischen Bohème-Kreises veranschaulichen. Ich wähle dafür den vormärzlichen Kreis der »Freien« in Berlin, um Bruno Bauer und Max Stirner, weil Siegfried J. Schmidt von der Philosophie her kommt, so dass die vorkommenden Namen sein Interesse erregen könnten, auch wenn sein eigenes Philosophieren wie auch seine eigene Lebenshaltung bislang keinen Vergleich zwischen ihm und den »Freien« nahelegen, und wenn auch der bohemegeschichtliche Ansatz dieses kleinen Fragments sich von den Betrachtungsperspektiven der philosophischen Studien Schmidts weit entfernt. Das Folgende erschöpft seinen Gegenstand so wenig, dass vielleicht andere angeregt werden, ihn aufzugreifen und vielleicht überhaupt das angeschnittene Themenfeld der Bohème-Geschichte weiter zu erschließen.

Dass es sich für den Kulturhistoriker lohnen kann, den Kreis der »Freien« ins Auge zu fassen, mag ein Brief Theodor Fontanes (vom 30.6.1896) bezeugen: »Mir ist dabei wieder die schon öfter von mir ausgesprochene Überzeugung gekommen, dass diese Hippelschen Weinkneipenleute das denkbar Bemerkenswerteste dieser Art von Menschen waren, und dass wir gegenwärtig sicherlich nichts haben, was ihnen an Bedeutung, an Vorbildlichkeit und auch an Wirksamkeit an die Seite gesetzt werden kann. Dabei mir gänzlich unsympathisch, was aber die Bedeutung der Leute nicht herabmindert.«

III.1. Die »Freien« als ›Kreis‹.

Die »Freien« treffen sich zu Beginn der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts in einigen Lokalen im Zentrum Berlins. Gegen 1842 wird ihr Haupttreffpunkt die Hippelsche Weinstube (in der sich auch schon die Kreise um E.T.A. Hoffmann und Devrient bzw. um Grabbe und Heine getroffen hatten). Im Revolutionsjahr 1848 wird Hippel zum Sammelplatz weiterer oppositioneller Intellektuellenkreise. Diese zeigen eine starke Fluktuation; auch der ›Stamm‹ der »Freien« bröckelt von nun an ab; er verliert seine vormärzliche Bedeutung und vermag sie nie wiederzugewinnen.

Als ›Senior‹ der »Freien« galt Carl Friedrich Koeppen (Historiker, Gymnasiallehrer, Publizist und später auch Autor eines Buches über Buddha). In der wichtigsten Phase ihrer kurzen Geschichte war die dominierende Persönlichkeit der Junghegelianer Bruno Bauer, den das zuständige Ministerium seiner theologischen Dozentur in Bonn beraubte, nachdem er sich als Atheist verdächtig gemacht und die Evangelien der fiktionalen Weltliteratur zugeordnet hatte. Ca. 80 zeitweilige Mitglieder und Gäste sind noch namentlich bekannt. Unter ihnen sind Marx und Engels am Anfang der 40er Jahre (aber nicht zur gleichen Zeit) und Max Stirner (der Engels noch kennen lernte). Stirner verkehrte mit den »Freien« seit 1841 und zog sich erst nach der Trennung von seiner zweiten Frau (Marie Dähnhardt) in die isolierte und äußerlich bedrängte Existenz (mit zweimaliger Schuldhaft 1853) seines letzten Lebensjahrzehnts (1846-56) zurück.

Die übrigen Mitglieder waren zu einem großen Teil Journalisten und Publizisten; doch gab es unter ihnen auch einzelne Lehrer, Wissenschaftler, Offiziere, Maler, Buchhändler, Studenten und nicht zuletzt junge Schriftsteller (so z.B. Wilhelm Jordan, Rudolph Gottschall, Karl Beck, Theodor Mügge, David Kalisch, Julius Leopold Klein, Reinhold Solger, etc.). Die vormärzlichen Berliner Intellektuellenkreise sind nicht strikt voneinander getrennt, sondern vermischen und überlappen sich, so dass zu den »Freien« auch Mitglieder des sogenannten »Doktorclubs« (der aus der Biographie von Marx bekannt ist) gehören, Mitglieder des »Rütli«-Kreises oder Nachmittagsgäste des historisch bedeutsamen »roten Zimmers« in der Stehelyschen Konditorei.

Die »Freien« repräsentieren die damalige Linke. Insgesamt sind die »Freien« aber in politischer Hinsicht dennoch heterogen: Anarchisten, Sozialisten, »Freihändler«, Nationalliberale gehören zu ihnen. Gemeinsam war ihnen aber der kritische Blick auf die gegebenen politisch-sozialen Verhältnisse und das apolitische Verlangen nach einer geistreich-unkonventionellen, in der Rede wie im Gebaren ungebundenen Geselligkeit, an der auch emanzipierte Frauen teilnahmen.

III.2. Die »Freien« als Bohèmekreis.

Kennzeichen einer Bohèmegruppe sind Ortsgemeinschaft; das Fehlen einer bürokratischen Hierarchie; künstlerische und publizistische Ambitionen einzelner Mitglieder (im Ganzen eine ästhetisch-intellektuelle Färbung); geringe Zeitökonomie; praktische Opposition gegen die bürgerliche Geldwirtschaft und den Besitz- und Erwerbsstolz ihrer Träger; ein Individualismus, der sich seine Freiheit gegenüber dem herrschenden Geschmack, den politischen und moralischen Konventionen vorbehält und diese Freiheit in irgendeiner Form ohne Scheu vor provokativem Effekt und ohne Sorge um das soziale Prestige manifestiert und sich so vom konventionellen Gesellschaftsdasein distanziert. Jede dieser Bestimmungen gilt für die »Freien«. Ihr Kreis hatte keinen zweckrationalen Charakter. Seine Merkmale waren dagegen: unbedenkliche Inanspruchnahme von Kredit, Tendenz zur gemeinsamen Kasse am Wirtshaustisch; übermütig herausfordernde Einfälle (wie der mehrfach durchgeführte, »Unter den Linden« Geld zu sammeln mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die Absicht, es bei Hippel anschließend auszugeben; ein anderes Beispiel ist die Trauung Stirners, bei der weder eine Bibel noch Ringe präsent waren, als der Pfarrer eintraf. Trauzeugen waren Bruno Bauer und der Publizist Ludwig Buhl. Das junge Paar wurde mit Messingringen von der Geldbörse Bruno Bauers getraut. Bohèmeadäquat ist auch die scheiternde Projektemacherei, z.B. der Versuch des großen spekulativen Gewinns, der gerade die Freiheit der Bohème ökonomisch begründen soll. (Ein Beispiel: der Plan Stirners, die Berliner Milchversorgung in die Hand zu nehmen, der innerhalb kurzer Zeit das Vermögen seiner Frau verschlang). Bezeugt ist auch ein gemeinsamer Jargon, mit Übernamen wie Marius Dähnhardius (für Marie Dähnhardt), Robespierre (für Bruno Bauer) u.s.f. In Gruppen unternahm man rein provokatorische Streizüge durch die Bordelle, woran sich auch Frauen in Männerkleidern beteiligten. Es gab leidenschaftliche, nächtelange Diskussionen über weltanschauliche, politische, künstlerische Probleme; man scheute sich nicht vor rüdem Ton, ausgelassener Aufführung, starkem Alkoholkonsum. Typisch waren das ausdrückliche Bekenntnis zum »Modernen«, antibürgerlicher Affekt, Programme von einer »neuen Welt«, agitatorische und utopistische Tendenzen. Es gab keine gemeinsame politische Aktion des Gesamtkreises, aber publizistische Unternehmungen (einzelner oder auch von Gruppen aus dem größeren Kreis der »Freien«).

An typischen Schicksalen finden wir: u.a. die aktive Teilnahme einzelner Angehöriger des Kreises an der Märzrevolution; Emigration u.a. nach Amerika und Australien; Kämpfe mit der Zensur und Justiz; auch Armut, Selbstmorde, oder Abfall von einem bohemischen Leben und verbindliche Eingliederung in feste politische Organisationen und bürgerliche Lebensformen, bei manchen in Form des Übertritts in zuvor bekämpfte weltanschaulich-kirchliche oder politisch konservative Lager.

III.3. Stichworte zu Publikationen, die Angehörige des Kreises während ihres Verkehrs unter den »Freien« oder im Prozess der Sezession von ihnen geschrieben haben.

Ich beschränke mich auf wenige Beispiele:
Bruno Bauer: »Das entdeckte Christentum« (1843). Das Buch, anscheinend hastig geschrieben, wirkt formlos und unsystematisch. Der Autor bedient sich eines aggressiven, polemischen, weitschweifigen Stils - mit brillanten Details. Seiner Gattung nach ist es ein Pamphlet, radikalatheistisch und antichristlich, von einem Furor gespeist, der auf eine innere Bindung an den geleugneten Gott des Christentums schließen läßt. Das Buch verfolgt eine Entlarvungstendenz und ist bewusst herausfordernd gehalten. (Der Autor rechnet daher von vornherein mit der Beschlagnahme, die auch erfolgt). Es erschien in der Schweiz, wirkte aber, trotz der Beschlagnahme, durch Einzelexemplare auf den Atheismus seiner Rezipienten. Zu seinen Kritikern gehörten Stirner, Marx und Engels. Durch Vermittlung von Autoren wie Wilhelm Marr (der den Übernamen »Bauer« führte) wirkte es auch auf jungdeutsche Emigrantengruppen und auf die zeitgenössische atheistische Bewegung in der Schweiz.

Bauer ist ein deutliches Beispiel für den Typ, dessen Anspannung primär der Negation gilt, der aber von dem Bekämpften sich niemals völlig freizumachen vermag. Das gilt für sein Verhältnis zum Bürgertum wie für seine antichristliche Polemik, die sich wesentlich aus dem Hass auf die zeitgenössische Orthodoxie nährt. Beides hat die Kritik erkannt. Ich zitiere Ernst Barnikol: »(...) er deckte schonungslos die Unzulänglichkeiten des fast willenlosen und dem Staat unterwürfigen Staatskirchentums auf wie die der meisten Strömungen der vorwiegend konservativen Nachschleiermacherschen Theologie seiner Zeit. Seiner Zeit! und damit meinte er, der Vorläufer und Bewunderer Nietzsches, das Christentum zu treffen.« (Barmikol 1927, 77) Für Barnikol ist »das ganze Buch nur ein getreues Spiegelbild der gewaltsam verbildeten und verzerrten Seele Bruno Bauers (...). Sein Atheismus ist sein ›Glaube‹, ist sein Fanatismus, ist sein Glaubensersatz, seine ›Antitheologie‹, wie Ruge und Fröbel es richtig empfanden.« (ebd., 65.)

Wie subjektiv Bauer schreibt, wie sehr er auf seine persönliche Bohème-Situation apologetisch reflektiert, zeigt seine Verteidigung des Aufklärers J.Ch. Edelmann (als dessen geistigen Erben er sich betrachtet): »Die Gegner Edelmanns waren unvorsichtig genug, seine Lebensweise, dass er ›unstet und flüchtig‹ umhergetrieben werde, als Beweis anzuführen, dass er vor Gott verworfen sei.« (ebd., 60. Hier und in den folgenden zwei Zitaten zitiert Barnikol aus Bruno Bauers Schrift »Geschichte der Politik, Kultur und Aufklärung des 18. Jahrhunderts«, Band I: Deutschland während der ersten vierzig Jahre des 18. Jahrhunderts. Charlottenburg 1843, Seiten 209, 211 und 212.) Dieser Vorwurf bewegt Bauer so sehr, dass er ausdrücklich dagegenhält: »Es ist wahr, Edelmann war ›unstet und flüchtig‹ - in einer Zeit, deren wertlose Güter den Mächten und Leidenschaften angehörten, die wir in den vorhergehenden Abschnitten dargestellt haben, kann es einem Mann« [wie Bauer] »nicht Schande machen, wenn es ihm unmöglich war, einen Platz zu finden; es macht ihm auch keine Schande, wenn er auf einen solchen Platz freiwillig Verzicht geleistet hatte.« (ebd., 60.) - »Fast ausgestoßen aus der Gesellschaft blieb Edelmann männlich, fest, innerlich und in seinem äußeren Benehmen sicher. Die Heiterkeit und Munterkeit des Geistes verließ ihn nicht einen Augenblick (...). Die Angriffe seiner Gegner machten ihn nur immer heiterer.« (ebd., 60.)

Ebenso aus der Opposition heraus geschrieben ist die ganze »Allgemeine Literaturzeitung« einer Teilgruppe der »Freien« um die Brüder Bauer (Bruno, Edgar und Egbert Bauer). Sie sucht die direkte Auseinandersetzung mit den aktuellen Büchern anderer und ist im Stil und der Haltung nach polemisch, zugleich eine unverhüllte Selbstapologie des engeren Kreises um Bruno Bauer, die ihre »kritische Kritik« zur Erscheinungsform des »Selbstbewußtseins« in seiner historischen Entwicklungsspitze deklarierte. Alle sozialen Äußerungsformen des Egoismus werden kritisiert, auch die um materielle Interessen geführten Kämpfe zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft werden verurteilt. Die physische Arbeit wird gegenüber der geistigen Arbeit (des »kritischen Kritikers«) abgewertet. Die ALZ scheidet die Menschheit in Subjekte und die Objekte der kritischen Kritik (»die Masse«). Sie postuliert die Befreiung des Menschen von allen die Menschen trennenden und das unvermittelt Menschliche relativierenden Besonderungen (Religionen, Nationalitätenprinzip, etc.) und vertritt so das Ideal des reinen »Menschen« (der nicht als bloße Abstraktion betrachtet wird); dieses Ideal erscheint als eine Art von geistigem Analogon zur Bohème-Existenz Bauers, deutet man diese als lebensgeschichtlichen Versuch einer Negation der sozialen Einordnung und des Anspruchs von außen gegenüber dem absolut gesetzten Anspruch des eigenen »Wesens«. Kennzeichnend für die Vorläufigkeit der jeweils vertretenen Thesen ist die programmatische und praktische Tendenz, jeden festen Standpunkt wieder aufzuheben und sich auf die Haltung der reinen, absoluten Kritk zurückzuziehen, dergestalt dass jedes im Vollzug der Kritik gewonnene positive Resultat des Lebens und Denkens jeweils wieder selber Gegenstand der Kritik werden müsse, da nur als Progress der permanenten Kritk das Selbstbewusstsein seine Wahrheit realisiere. (Das kommt der Existenzform eines Bohèmetyps entgegen, der der Statik der bestehenden, durch die Idee immer schon gerichteten Verhältnisse feind ist, aber vor der praktischen Verstrickung in die politisch-soziale Wirklichkeit zurückscheut, vielmehr ganz der auflösenden Macht des Gedankens vertraut - so dass sich die Spannung zwischen Gesellschaft und Bohème-Existenz zugleich als Spannung zwischen Theorie und Praxis äußert und beide Spannungen in der Permanenz der Kritik verabsolutiert werden).

Bezeichnend ist daher, dass gerade der Kreis um die »Allgemeine Literaturzeitung«, die sogenannte »heilige Familie« zu Charlottenburg, sich nicht aktiv an der Märzrevolution beteiligt hat, dass gerade die wichtigsten Mitglieder dieses Kreises, auch Bauer selber, später vom radikalen Lager und von der Bohème-Existenz abfielen.

Die bohemische Bürgerfeindlichkeit des jüngeren Bruno Bauer bezeuge die folgende Stelle (die Max Stirner zitiert): »Jene Bürgerklasse, die für die neuere Geschichte ein so furchtbares Gewicht erhalten sollte, ist keiner aufopfernden Handlung, keiner Begeisterung für eine Idee, keiner Erhebung fähig: sie giebt sich für nichts hin, als für das Interesse ihrer Mittelmäßigkeit (...) und siegt endlich nur durch ihre Massenhaftigkeit, mit welcher sie die Anstrengungen der Leidenschaft, der Begeisterung, der Consequenz zu ermüden wußte (...). Sie hat die revolutionairen Ideen, für welche nicht sie, sondern uneigenützige oder leidenschaftliche Männer sich aufopferten, sich allein zu Gute kommen lassen, den Geist in Geld verwandelt. - Freilich nachdem sie jenen Ideen die Spitze, die Consequenz, den zerstörenden und gegen allen Egoismus fanatischen Ernst genommen hatte.« (Stirner 1844, 91)

Ein weiteres Exempel: Marx/Engels: »Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten« (1845). Die Publikation wurde geschrieben nach dem Zerwürfnis mit den »Freien«; auch sie ist pamphletistisch und aggressiv, gegen die bisherigen Freunde gerichtet. Formal ist sie ein Antitext; die Autoren entwickeln ihre Ideen nicht autonom, von der Sache her, sondern im Widerspruch gegen eine Theorie, als Argument im Zuge eines Angriffs; die Schrift ist daher nicht systematisch gegliedert, sondern eine Folge von Partien, die einen der Gegner und ehemaligen Freunde nach dem anderen kritisch ›vernichten‹ und jeweils gesondert auf deren einzelne Aufsätze in der ALZ eingehen. Das Werk ist seinem äußeren Habitus nach den Produkten der Angegriffenen eng verwandt, seinem Gehalt nach aber sehr verschieden. Die Autoren opponieren in ihr der Lebenshaltung des Bauer-Kreises (und damit einer früheren Möglichkeit ihrer selbst), indem sie die Übermenschenpose des Bauer-Kreises aufdecken und ihr gegenüber die Partei sowohl der materiellen Interessen wie der »Masse« ergreifen.

Ein letztes Exempel: Max Stirner: »Der Einzige und sein Eigentum« (s.o.). Stirner lehnt in seinem Hauptwerk bekanntlich das systematische Philosophieren ab: »(...) gedächten wir überhaupt nach dem Schnürchen zu gehen (...)«. (ebd., 44.) Er will sich vielmehr ganz von den Einfällen des philosophierenden Ich leiten lassen. Daraus ergeben sich auch moritatenhafte, herausfordernd aggressive, burleske und groteske Partien. Er scheut auch vulgäre Vokabeln nicht und hat sichtlich Lust an der Forcierung und paradoxen Zuspitzung provozierender Thesen.

Auch dieses Buch ist nur gerecht zu würdigen, wenn man es nicht isoliert betrachtet, sondern als Ausdruck eines oppositionellen Affekts. Das zeigt sich schon in der Entstehungsgeschichte: »Vorstehende Beurtheilung der ›freien menschlichen Kritik‹ war (...) unmittelbar nach dem Erscheinen der betreffenden Bücher bruchstückweise niedergeschrieben worden (...) Die Kritik drängt aber rastlos vorwärts und macht es dadurch notwendig, daß Ich (...) noch einmal auf sie zurückkommen (...) muß. Ich habe das neuste, das achte Heft der Allgemeinen Literaturzeitung (...) vor Mir.« (ebd., 170.) Neben den Thesen der »kritischen Kritik« lassen sich auch diejenigen Marx‹, Feuerbachs, Hegels bezeichnen, auf die sich Stirner - ausdrücklich und unausdrücklich - polemisch bezieht. (Bei politphilosophischen Arbeiten aus der Bohème ist dieser Zug offenbar typisch, dass der philosophische Prozess sich nicht nur aus sich selber vollzieht, sondern auch aus dem stets erneuerten polemischen Bezug). Bruno Bauer (sein Freund und urspünglich sein philosophischer Meister) wird von Stirner (ähnlich wie von Marx) dadurch angegriffen, dass dessen ›absolute Kritik‹ nicht als Überwindung von Religion und Bürgerklasse anerkannt, sondern geradezu als deren geistige Ausprägung aufgefasst wird. Dasselbe kritische Verfahren wendet Stirner gegen Marx an und Marx gegen Stirner. Der eine, indem er den Kommunismus als die total gewordene Proletarisierung deutet, der andere, indem er den Anarchismus Stirners zur radikalen Ideologie der ungehemmten Ausbeutung, Stirner zum ideologischen Sachwalter der Bourgeoisie erklärt.

Stirners Opposition gilt philosophisch dem Idealismus schlechthin (als dem modernen Prototyp der »Religion«). Die Ideen sind ohne »Wirklichkeit«; die politisch-soziale Geschichte ist ein Kampf aller gegen alle; »Existenz« hat allein das konkrete Ich; es ist absolut autonom; Recht, Wahrheit, Altruismus, Moral, Staat etc. sind »fixe Ideen«, »Sparren«, »Gespenster«; die von ihnen »besessenen« Menschen sind »Narren«; die Welt wird durch sie zum »Tollhaus«.

Stirners Opposition gilt politisch jeder Form der Staatlichkeit (die alle quasi »christlich« seien, nämlich »Mittler«, die die Unmittelbarkeit des Verkehrs von Ich und Du zerstören); seine Opposition gilt auch jeder Gesellschaft mit festen Normen, Regeln und Satzungen. Sie gilt prinzipiell aller geschichtlich-sozialen »Stabilität« und jeglicher Objektivität, die sich der Spontaneität des Ichs entfremdet hat. (Hier setzt auch seine Sprachkritik ein - die auf derselben Linie in der Bohème nie mehr ganz abreißt; die Bohème ist später hierin auch von Fritz Mauthner beeinflusst).

Stirners Bohème-Existenz ist die biographische Manifestation dieser totalen Entbindung (»Ich hab‹ mein Sach‹ auf Nichts gestellt«, ebd., 12). Seine Philosophie ist eine bohemische Philosophie (wenn auch nicht »die« Philosophie der Bohème, die es nicht gibt) und darin (auch in ihrem Selbstverständnis) der Gegensatz zu Hegel. Das bezeugt etwa die Bürgersatire und das Portät der Bohème (als der geistigen »Vagabunden«), das bezeugt der ganze Habitus des Werkes. Der neuere Geniebegriff in seiner dreifachen Prägung ist der Ursprung des Ganzen: das prometheische Genie als schöpferische Kraft naturhaft-autonomer Selbstverwirklichung, das Genie als Empörer und Zerbrecher von Gesetzen, das Genie als Lichtbringer. Zum ersten Aspekt: »Ich bin nicht Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem Ich selbst als Schöpfer Alles schaffe.« (ebd., 14.) »Wo Mir die Welt in den Weg kommt - und sie kommt Mir überall in den Weg - da verzehre Ich sie (...) Du bist für Mich nichts als - Meine Speise (...)«. (ebd., 347.) »Ich genieße Mich nach meinem Wohlgefallen. Ich bange nicht mehr um‹s Leben, sondern ›verthue‹ es.« (ebd., 375.) »Schreibe Ich aus Liebe zu den Menschen? Nein (...), und sähe Ich auch voraus, daß diese Gedanken euch um eure Ruhe und euren Frieden brächten (...): Ich streute sie dennoch aus (...) Ich singe, weil - Ich Sänger bin« (ebd., 346f.)

Zum zweiten Aspekt (dem des Empörers und Provokateurs): hierher gehört die provokatorische Wahl der Begriffe (»Egoismus«, »Verbrecher«, »Empörer« in einem positiven Sinn) und der Gleichnisse. Das beginnt schon mit der Widmung des Buches (»Meinem Liebchen Marie Dähnhardt« - mit der er legal verheiratet war). (ebd., 10.) Sein »Egoismus« wird ohne Notwendigkeit sprachlich dem vulgären Egoismus nahegerückt, den Stirner verneint (der Egoismus, der ein einziges Verlangen - Habsucht, Geiz etc. - zum dämonischen Herrn des Ichs mache, statt alle Möglichkeiten souverän zu entfalten und so den Einzigen als Eigner zu erschaffen. Stirner protestiert hier nicht nur gegen verkehrten Egoismus, sondern zugleich gegen die Vereinseitigung des Menschen im Mechanismus der Gesellschaft.) Charakteristische Zitate zum Bürger-Bohème-Verhältnis sind: »Die Stimmung gegen diese ›Unmoralischen‹ bezeichnet der wackere Bürger als seine ›tiefste Entrüstung‹. Es fehlt diesen Allen die Ansässigkeit, das Solide des Geschäfts, ein solides ehrsames Leben, das feste Einkommen u.s.w., kurz, sie gehören, weil ihre Existenz nicht auf einer sicheren Basis ruht, zu den gefährlichen ›Einzelnen oder Vereinzelten‹, zum gefährlichen ›Proletariat‹: »Man könnte Alle, welche dem Bürger verdächtig, feindlich und gefährlich erscheinen, unter dem Namen »Vagabonden« zusammenfassen; ihm mißfällt jede vagabondierende Lebensart. Denn es giebt auch geistige Vagabonden, (...) statt sich in den Schranken einer gemäßigten Denkungsart zu halten (...), überspringen sie alle Grenzen des Althergebrachten und extravagiren mit ihrer frechen Kritik und ungezähmten Zweifelsucht, diese extravaganten Vagabonden. Sie bilden die Classe der Unstäten, Ruhelosen, Veränderlichen, d.h. der Proletarier, und heißen, wenn sie ihr unseßhaftes Wesen laut werden lassen, ›unruhige Köpfe‹« (ebd. S. 134.).

Der dritte Aspekt (der Lichtbringer) tritt in Stirners Utopie des »Vereins« ans Licht. Der »Verein« ist die Gemeinschaftsform der idealen anarchistischen Gesellschaft, die ihre Bedürfnisse erfüllt durch freiwillige dynamische Zusammenschlüsse von Individuen aufgrund spontaner Übereinkunft und momentanen Interesses. Stirner hat die »Freien« in einem Presseartikel ausdrücklich einen »Verein« genannt, der aber kein »bürgerlicher« Verein mit Satzungen sei. Die Bohème wird zum Modell der Utopie - des zweiten »Natur«-Standes, nachdem die Geschichte den »natürlichen« Egoisten in der Gesellschaft pervertiert hat: »Die Auflösung der Gesellschaft aber ist der Verkehr oder Verein. Allerdings entsteht auch durch Verein eine Gesellschaft, aber nur wie durch einen Gedanken eine fixe Idee entsteht, dadurch nämlich, daß aus dem Gedanken die Energie des Gedankens, das Denken selbst, diese rastlose Zurücknahme aller sich verfestigenden Gedanken, verschwindet. Hat sich ein Verein zur Gesellschaft crystallisirt, so hat er aufgehört, eine Vereinigung zu sein; die Vereinigung ist ein unaufhörliches Sich-Vereinigen; (...) er ist - todt als Verein (...) Ein sprechendes Exempel dieser Art liefert die Partei.« (ebd., 358).

Beachtenswert sind auch die literarischen Verweise; Goethe erscheint als der »Dichter« der »Bourgeoisie« (wie Hegel als deren Philosoph); Lenaus »Drei Zigeuner« werden beifällig erwähnt. Es gibt wörtliche Übereinstimmungen mit Jean Paul und Friedrich Schlegel, sprachliche Anklänge an Schillers Franz Moor, an Büchners Danton, an Hebbels Holofernes, an Tiecks »Gestiefelten Kater«. Max Stirner hieß mit bürgerlichem Namen bekanntlich Johann Caspar Schmidt. Er hatte also den gleichen Nachnamen wie der Empfänger dieser Festschrift, für den das Pseudonym Stirner nicht schlecht gepasst hätte (wenn es nicht schon den ›alten‹ Stirner gäbe), auch wenn die Verbindung von Siegfried und Stirner etwas zu pompös wirkt, verglichen mit dem etwas bescheideneren Siegfried J. Schmidt, dem diese Zeilen zugedacht sind.


Literatur

Bab, Julius (1994), Die Berliner Bohème, hrsg. von M.M. Schardt, Paderborn: Igel.
Barnikol, Ernst (1927), Das entdeckte Christentum im Vormärz, Bruno Bauers Kampf gegen Religion und Christentum und Erstausgabe seiner Kampfschrift, Jena: Eugen Diederichs.
Berlin, Isaiah (1959), Karl Marx, Sein Leben und sein Werk, 3. erw. Aufl., München: Piper.
Bleuel, Hans Peter (1981), Friedrich Engels, Bürger und Revolutionär, Bern/München: Scherz.
(1973), Der unbekannte junge Marx, Neue Studien zur Entwicklung des Marxschen Denkens 1835-1847, Mainz: v. Hase und Köhler.
Lapin, N.I. (1974), Der junge Marx, Berlin: Dietz.
Mackay, John Henry (1977), Max Stirner, Sein Leben und sein Werk, Reprint der 3. Auflage, Freiburg/Br.: Mackay-Ges. (mit einem Kapitel über »Die Freien«).
Mayer, Gustav (1934), Friedrich Engels, Eine Biographie, Band 1, 2. Auflg. Haag.
Mehring, Franz (1918), Karl Marx, Geschichte seines Lebens, Leipzig.
Raddatz, Fritz J. (1971), Karl Marx, Seine politische Biographie, Hamburg 1971.
Stirner, Max (1892) [1844], Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig: Philipp Reclam jun., o.J.