Helmut Kreuzer:

Zum vormärzlichen Bohème-Kreis der ›Freien‹ um Bruno Bauer und Max Stirner, nebst Bemerkungen über Siegfried J. Schmidt und seinen Fiktionalitätsbegriff.

   
             
 
   Home    
   

I.

Als ich in den 70er Jahren im Gründungssenat der Universität-GH Siegen saß, waren es Stuttgarter Erfahrungen, die mich veranlassten, Kontakt mit Siegfried J. Schmidt aufzunehmen, um ihn für Siegen zu gewinnen.

Fritz Martini hatte mir in Stuttgart 1960 seine Assistentenstelle angeboten. Ich verbrachte in Stuttgart fünf Jahre und habilitierte mich dort. Martini hatte auch die Emigrantin Käte Hamburger nach Stuttgart geholt; er habilitierte auch sie mit dem Manuskript ihres Hauptwerks (»Die Logik der Dichtung«) und ermöglichte ihr damit eine Lehrtätigkeit, die kraft ihrer theoretisch-phänomenologischen Orientierung und kraft ihrer Kompetenz in der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft auch Studierende aus Nachbarfächern, darunter Philosophiestudenten, anzuziehen vermochte, so wie auf der anderen Seite der Stuttgarter Philosoph Max Bense kraft seiner ästhetisch-literarischen Orientierung auch Philologiestudenten mit seinen Vorlesungen und Seminaren anzog. Bense bekannte sich ausdrücklich dazu, Rationalist und Atheist zu sein; er entwarf eine Informationsästhetik, die darauf angelegt war, ihre Urteile auch statistisch zu fassen und empirisch zu begründen. Er liebte es, im Radio und im Fernsehen diskussionsfreudig aufzutreten, rhetorisch kühn zu pointieren und sich auch essayistisch an eine breitere Öffentlichkeit zu wenden. Er war einer der führenden Köpfe in der Literatur- und Kunstszene der ›experimentierenden‹ Avantgarde jener Jahre, veranstaltete Ausstellungen und Lesungen und schrieb selber ›experimentelle Texte‹. CDU-Politiker in Stuttgart fühlten sich von ihm so provoziert, dass sie der TH Stuttgart eine zweite Philosophie-Professur bewilligten, unter der Auflage, dass sie mit einem christlich orienierten Philosophen zu besetzen sei. (So kam Robert Spaemann nach Stuttgart, dem freilich nur allzubald von der Universität München ein größerer Wirkungskreis mit Erfolg angeboten wurde).

Als ich 1972 von Bonn nach Siegen kam, war abzusehen, dass weitere Professuren sowohl für germanistische Linguistik (auf die ich hier nicht weiter eingehe) wie auch für Mediävistik und für neugermanistisch-komparatistische Literaturwissenschaft sich noch einrichten ließen, sobald die Studenten für diese Fächer herbeizuströmen begannen. (Die Didaktik der Literatur und Sprache für Lehramtsstudenten vertraten in Lehre und Forschung die Professoren der früheren PH Siegerland; für Interessenten an der Theorie und Praxis des Darstellenden Spiels, der Fachsprache, der Kommunikation war durch Professoren der früheren Fachhochschule gesorgt.)

Es erschien mir nicht sinnvoll, weitere Professuren des Faches in der Weise zu besetzen, die mir an Universitäten mit sogenannten ›Parallel-Lehrstühlen‹ begegnet war, wo die Professoren eines Faches ihrem Typ, ihrer Lehre, ihrer Forschung nach einander ähnelten und nicht (wie bei den Philosophen und Literaturwissenschaftlern in Stuttgart) markante Gegenpositionen einnahmen.

Wenn ich mich umsah, wer die Stuttgarter Rolle Benses in Siegen spielen konnte, fand ich nur einen, der in bestimmten Punkten nicht nur bestehen konnte, sondern schon in jungen Jahren exzellierte: Siegfried J. Schmidt. Er war wie Bense von Hause aus Philosoph; er hatte sich wie Bense in der Theorie der Ästhetik ausgewiesen; er hatte sich als Linguist bewährt und mittlerweile auch auf dem Feld der empirischen Literaturwissenschaft theoretisch und praktisch Meriten erworben. Und er hatte sich in die literarische Avantgarde integriert. (Heute leitet er in Münster ein Institut für Kommunikationswissenschaft.) Schmidt unterschied sich dadurch von Bense, dass er weder Theologen noch Politiker noch Ministerialbeamte je öffentlich provoziert hatte, so dass das Ministerium ihn widerstandslos berufen würde, wenn er von den Gremien auf dem ersten Listenplatz vorgeschlagen würde. Allerdings war damit zu rechnen, dass der dynamische Schmidt irgendwann der Versuchung nicht mehr widerstehen konnte, einer Berufung in ein neues Fach an eine Universität wie die in Münster zu folgen, die niemand dazu gebracht hätte, einen Bense zu berufen. Aber das war 1972 eine cura posterior.

Kurz: Erfahrung und Überlegung geboten, Siegried J. Schmidt zu einer Bewerbung zu animieren und eine wissenschaftliche Konstellation der TH Stuttgart aus den frühen 60er Jahren wenigstens in der Auf- und Ausbauphase der Universität-GH Siegen produktiv zu aktualisieren - wie es denn auch geschehen ist. Schmidt übernahm einen der jungen Germanisten, die mit mir von Bonn nach Siegen gezogen waren, als Assistenten und Habilitanden: Reinhold Viehoff, und hat es nie bereut.

top

 
Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Literatur

Druckversion