Helmut Kreuzer
Zum vormärzlichen Bohème-Kreis der ›Freien‹ um Bruno Bauer und Max Stirner, nebst Bemerkungen über Siegfried J. Schmidt und seinen Fiktionalitätsbegriff.
Abschnitt 2

   
             
 
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II. Zum Fiktionalitätsbegriff.

Nachdem im ersten Teil dieses Beitrags skizziert worden ist, was mich dazu bewogen hat, Siegfried J. Schmidt für Siegen gewinnen zu wollen, will ich im zweiten Teil die Herausgeberfrage beantworten, worin ich mit Schmidt nicht übereinstimme. Während der erste Teil sich auf eine bestimmte Situation bezog, beschränkt sich der zweite Teil auf ein spezielles Exempel, gibt aber kein pauschales Urteil ab über eine Summe von Übereinstimmungen oder Abweichungen. Die Auffassungsdifferenz, die ich aufzeigen will, verweist jedoch auf unterschiedliche wissenschaftliche Biographien und Lebenskontexte - in meinem Fall auf die Habilitation in Stuttgart im literaturwissenschaftlichen Kreis um Fritz Martini und Käte Hamburger - in Schmidts Fall auf seine Herkunft aus dem Bielefelder Kreis mit Linguisten wie Weinrich und Petöfi und auf seine Orientierung an einem internationalen Beziehungsgeflecht, auf das Schlüsselzitate im vierten Kapitel des theoretischen Teils seines Buches »Elemente einer Textpoetik«, München 1974, verweisen.

In diesem Kapitel geht Schmidt der Frage nach, ob »Fiktionalität eine linguistische oder eine texttheoretische Kategorie (ist)« (S. 71). Die Frage stellt sich ihm im Zusammenhang mit dem Versuch, die »Differenzqualitäten von literarischen und nicht-literarischen Texten« festzulegen. Charakteristisch ist dabei, dass Schmidt nicht nur »innerlinguistisch« operiert, sondern die zu unterscheidenden Texttypen »auch als Typen sozio-kommunikativen Handelns, also als Funktionstypen« (S. 71) betrachtet. Er bezieht sich nicht nur auf den isolierten Text als solchen, sondern auf die »literarische Kommunikation«, d.h. den »Bereich der Produktion, Textgestalt und Rezeption als literarisch eingestufter Texte« (S. 72). Literarische Kommunikation ist für ihn eine »Teilkomponente ästhetischer Kommunikation, die ihrerseits eingebettet ist in die gesamtgesellschaftliche Kommunikation« (S. 72). Diesen Hypothesen wie auch den weiteren Annahmen Schmidts über Textbildung, kommunikatives Handlungsspiel und dessen Voraussetzungen vermag ich zu folgen, auch noch der These, dass Sprache sich nicht unmittelbar auf Wirklichkeit bezieht, dass vielmehr »Sprecher in kommunikativen Handlungsspielen Textkonstituenten (...) als Instruktionen (interpretieren), sich auf Wirklichkeit (...) zu beziehen« (S.77). »Textrezeption kann auf dieser Basis bestimmt werden als ein Vorgang der Regelinterpretation bzw. des inhaltlichen Ausfüllens von Instruktionen« (S. 77).

Problematisch wird für mich das nächste Kapitel Schmidts über »Fiktionalität als sozio-kommunikative und textsemantische Kategorie«. Schmidt eröffnet es mit einem Satz, der umstandslos behauptet, die Charakteristika des literarischen Textbereichs der ästhetischen Kommunikation (die ihrerseits ein Teilbereich der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation ist) ließen sich »global in drei Merkmalen« zusammenfassen: »[- soziale Sanktion], [+ Fiktionalität], [+ ästhetische Kompetenz].«(S. 78)

Da ich mich an dieser Stelle auf eine einzige Abweichung von Schmidt beschränke, greife ich kurzerhand das angegebene »Merkmal« der Fiktionalität heraus. »Fiktionalität« ist hier offenbar eine dem literarischen Phänomen selber zugeschriebene Eigenschaft, und zwar, wenn Schmidt Recht hätte, eine Eigenschaft jedes literarischen Phänomens. Das erscheint mir entweder als Tautologie (dann wäre Fiktionalität einfach bedeutungsgleich mit Literarizität, was freilich der Wortbedeutung widerspricht) oder aber als Irrtum. Der sprachlich anspruchsvolle Essay, ›literarisch‹ geformt, ohne Banalitäten und Trivialitäten, gilt allgemein als Literatur, ja er kann Kritiker so beeindrucken, dass sie ihn unter die ›Meisterwerke der Literatur‹ rechnen; aber ich sehe für mich keine Möglichkeit, den Essay unter die fiktionalen Gattungen zu rechnen. Ich rechne diesen auch nicht das Natur- oder das Liebesgedicht zu, den Hochzeitscarmen, die begeisterte und begeisternde Hymne, das politische oder religiöse Lied. Sie alle sind nach meinem Verständnis nichtfiktional (wenngleich sie als fiktive Lieder in einem fiktionalen Roman oder Drama gesungen werden können). Sie sind es auch dann nicht, wenn sie kraft ihrer Reim- und Versform, ihrer Metaphern und ihrer Symbole, ihrer Ausdrucks- und Bildkraft, ihrer poetischen Lizenzen und Ornamente von jedermann der ›künstlerisch wertvollen‹ Lyrik und damit der ›Literatur als Kunst‹ zugerechnet werden. Sie sind für mich nicht fiktional, weil sie die Form der ›Wirklichkeitsaussage‹ haben (ob sie nun ›wahr‹ sind oder nicht), während die fiktionalen Gattungen der Literatur (z.B. der in der dritten Person erzählte Roman mit seinem »epischen Präteritum«, seinen fiktiven Handlungen und fiktiven Figuren) die Form der ›Nichtwirklichkeitsaussage‹ haben (auch dann, wenn der Stoff einer vorgegebenen Wirklichkeit entnommen ist und das fiktive Personenensemble realen Modellen nachgebildet ist). Näheres ist nachzulesen in Käte Hamburgers »Die Logik der Dichtung« (2. Auflage, Stuttgart 1968).

Ich will damit nicht bestreiten, dass Kunstprodukte eine Gemeinsamkeit haben, dass sich das künstlich ›Geschaffene‹ von ästhetischer Qualität vom natürlich ›Gewordenen‹ (ohne personalen gestaltenden Urheber) unterscheidet. Ich bestreite nur, dass Kunstprodukte unabhängig von ihrer Gattung generell das Merkmal der Fiktionalität haben (wie ich auch bestreiten könnte, dass Kunstwerke sicher sind vor sozialen Sanktionen). Das Unterscheidungsmerkmal ist auch nicht ihre ›Schönheit‹: manches natürlich Gewordene kann schöner anmuten als manches künstlich Geschaffene und künstlerisch Gestaltete. Aber ich räume ein: Der gemalte Apfel, das Spiel der Musiker, die Verse einer Dichtung ›sind‹ nicht nur etwas (wie Äpfel, Töne und Druckstöcke), sie ›bedeuten‹, und sie provozieren dadurch unser Interesse, unsere Deutung, unser Urteil. Wenn wir über ihre Schönheit - oder ihre sonstigen Qualitäten - staunen, dann bewundern wir nicht ihr ›So-Gewordensein‹, sondern die Art ihres ›Gemachtseins‹. Wir befragen die Werke der Literatur nicht generell nach ihrem praktischen ›Nutzen‹ (wie Gebrauchsgegenstände), sondern nach ihrem ›Sinngehalt‹. Wenn wir sie in ihrer Eigenschaft als Kunstwerke beurteilen, dann fragen wir auch nicht primär nach ihrem materiellen Wert (der ihnen als Handelsobjekten zukommt), sondern z.B. nach dem Maß ihres ›Geglücktseins‹, nach dem Grad, in dem es ihren Autoren gelungen ist, unter den Bedingungen der jeweiligen Gattung einen eigentümlichen ›Sinngehalt‹ von besonderem Interesse für die angesprochenen Literaturrezipienten in angemessener Form zum Ausdruck zu bringen.

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