Klaus Merten

Die Konstruktion von Macht durch Kommunikation - am Beispiel von Propaganda

I.

Zwar wird der Begriff der Propaganda erst im Dreissigjährigen Krieg (1622) eingeführt, doch Ansätze von und der Umgang mit Propaganda sind schon 2000 Jahre früher, nämlich in der Rhetorik des Aristoteles (384-322 v.Chr.) zu finden.

Neu an der Rhetorik des Aristoteles (1959b, 32 f.) ist u.a. die erstmals codifizierte Freiheit, für oder gegen etwas zu sein und damit ohne persönliche Überzeugung zu argumentieren. Kriterien für die jeweils zu fällende Entscheidung werden positiviert durch Bindung an die Situation, womit die Bindung an Wahrheit modalisiert und aufgelöst werden kann.

Im Jahr 1622 gründet Papst Gregor XV. eine Einrichtung, die er Congregatio de propaganda fide nennt und die für die Verbreitung oder Ausbreitung des Glaubens zuständig sein soll:

»Durch den unerforschlichen Ratschluss der göttlichen Vorsehung ohne Unser Verdienst zur Leitung der Kirche Christi berufen, sehen Wir es als Hauptaufgabe Unseres Hirtenamtes an, sorgfältig darüber zu wachen und, soweit es Uns durch Gottes Gnade verliehen wird, Uns eifrig darum zu bemühen, die elend verirrten Schafe zum Schafstall Christi zu führen und zur Anerkennung des Herrn und Hirten der Herde zu bewegen« (Bulle 58 von Papst Gregor XV. vom 22.6.1622, hier zitiert nach Hundhausen 1975, 92).

Der Glaube - so kann man diesen Akt verstehen - kann zwar nicht rational, sondern nur durch den Glauben an den Glauben begründet werden; aber es erscheint möglich, hier durch planvolles Handeln - eben: durch Propaganda - Sukkurs zu leisten.

Nach kommunistischer Auffassung ist Propaganda - im Verständnis von Lenin (1901, 20 ff.) »Agitation« - wahr und glaubwürdig; die Agitatoren fühlten sich durchaus als ehrenwerte Zeitgenossen (so Smith 1969, 579) und unbezweifelbar wird der Propaganda in der Sowjetunion erstmalig ein besonderer Stellenwert für die flächendeckende Beeinflussung und Lenkung der Bevölkerung eingeräumt.

Offenbar lässt sich durch Propaganda eine kollektive, homogene Ausrichtung von Bewusstsein und Verhalten durchsetzen, Propaganda hat eine integrierende Funktion. Propaganda setzt auf der anderen Seite aber Täuschung voraus. Adolf Hitler selbst sagt hierzu: »Durch kluge und dauernde Anwendung von Propaganda (kann) einem Volke selbst der Himmel als Hölle vorgemacht werden und umgekehrt das elendste Leben als Paradies« (hier zitiert nach Hundhausen 1975, 15). Die Veranstalter von Propaganda wissen also sehr gut, dass sie das Volk damit semantisch verführen können - und müssen. Goebbels notiert am Abend des 18. Februar 1943, nach seiner Rede im Sportpalast: »Diese Stunde der Idiotie. Wenn ich den Leuten gesagt hätte, springt aus dem dritten Stock des Columbushauses, sie hätten es auch getan!« (Riess 1950, 356).

II.

Die wissenschaftliche Analyse von Propaganda wird - unter dem Eindruck kommunistischer und nationalsozialistischer Erfolge von Propaganda - maßgeblich von einem der Väter der Kommunikationsforschung bestimmt: Harold D. Lasswell (1902-1976). Er begreift Propaganda als Oberbegriff, unter den auch Phänomene wie Werbung und Publicity (PR) zu fassen sind. Zugleich grenzt Lasswell Propaganda (Manipulation von Zeichen) als rein kommunikative Aktivität ab von Agitation. Er definiert Propaganda als

»technique of influencing human action by the manipulation of representations. These representations may take spoken, written, pictorial or musical form [...]. Both advertising and publicity fall within the field of propaganda [...] Modern revolutionaries use propaganda to mean the spreading of doctrine; incitement is agitation« (Lasswell 1995, 13).

Lasswell begreift Propaganda also nicht mehr als Textsorte, sondern als Kommunikationssituation, die den Kontext, in dem sie entfaltet werden soll, insbesondere aber die Disposition des Rezipienten, sorgfältig zu berücksichtigen hat. In Anlehnung an Lasswell, der sich wiederum auf Freud beruft, entwickelt Smith (1968, 584) die Idee, dass die zu verbreitenden Symbole nicht nur rational das Ego, sondern auch emotional das Es und moralisch das Über-Ich ansprechen müssen.

In der Mediengesellschaft wird Überredung (Persuasion) der Werbung zugesprochen. Der persuasive Zugriff auf den Rezipienten erfolgt in der Regel kurzfristig und produktbezogen - sozusagen als semiotischer Überraschungsangriff - und verschwindet nach Ausführung der angesonnenen Kaufhandlung.

Überzeugen unterscheidet sich von Überreden dadurch, dass Überzeugungen als Folge von Kommunikation langfristig angelegt sind und auf das Bewusstsein gerichtet sind, während Überredung nur die Gunst der Situation nutzt, und dies nur so lange, bis der Akt, den die Überredung auslösen soll, erfolgt ist. Nach Kant (1968, Bd.4, 687 f.) ist eine Überzeugung ein Fürwahrhalten, das auf objektiven Gründen beruht »wenn es für jedermann gültig ist, so fern er nur Vernunft hat«. Überzeugung gilt als Grundfunktion von Public Relations. Überzeugungen können aber - diese Erkenntnis verdanken wir Aristoteles (1959a, 32 f.) - nicht nur kognitiv (vernünftig, d.h. logisch begründbar) zustandekommen, sondern auch affektiv.

Anders als die Werbung, setzt Propaganda ihre Intention nicht nur dadurch um, dass sie positive Assoziationen herstellt, sondern in ihrem Anspruch totalitär vorgeht und die Nichtausführung (Nichtbefolgung) der angesonnenen Handlungsalternative mit Sanktionen belegt. Dass diese Androhung im Prozess der Indoktrination an Sichtbarkeit und Notwendigkeit abnehmen kann und nurmehr latent wirksam bleibt, sagt nichts gegen ihre prinzipielle Verfügbarkeit. Tabelle 1 stellt die genannten drei Begriffe in einer Synopse vor:

Glaube wird als Überzeugung, aber auch als Vertrauen, im christlichen Sinne als Antwort auf die Gnade Gottes (Fiduzialglaube) verstanden, der als solcher nicht kognitiv begründbar ist, dem aber die Kognition dann zu folgen hat (um die Autorität Gottes anzuerkennen). Glaube ist strukturell als Reflexivwerden von Überzeugung zu begreifen und gegen Widerlegung schon dadurch geschützt, dass den propagierten Heilspersonen samt und sonders übermenschliche Fähigkeiten zugesprochen werden (»der Allwissende«, »der Allerbarmer« etc.).

Glaube lässt sich somit als ein Fall von Propaganda begreifen, bei dem eine einzige bestimmte Person - Gott - konkurrenzlos gestellt wird (ein Alleinvertretungsmerkmal reklamiert) und erlangt als Weltanschauung vor allem dadurch unbegrenzte Wirksamkeit, dass der Glaube an einen Gott (eine unbeschränkte Instanz) von jedermann temporal unbegrenzt verbindlich erwartet oder sogar abgefordert wird.[1]

III.

Nach diesen Vorklärungen lässt sich die Struktur von Propaganda tentativ wie folgt beschreiben:

  1. Das zu propagierende Objekt (Idee, Handeln, Person oder Produkt) wird als einzigartig propagiert und gewinnt so ein Alleinstellungsmerkmal (unique communication proposition)
  2. Für den Umgang mit diesem Objekt wird für die Rezipienten von Propaganda eine Verhaltensprämisse vorgegeben, die Ausschließlichkeitscharakter besitzt. Diese wird unnachgiebig postuliert und durchgehalten.
  3. Tabelle 1: Überredung, Manipulation, Überzeugung

    Funktion/

    Strukt.Element

    Überredung

    Manipulation

    (control)

    Überzeugung

    Typus

    Werbung

    Propaganda

    (publicity)

    Public Relations

    Referenz

    selbstreferent/

    fremdreferent

    nur fremdreferent

    (intentional)

    selbstreferent/

    fremdreferent

    Ziel

    Ausführung eines singulären Aktes

    Akzeptanz vorgegebener Entscheidung

    Erzeugung von Vertrauen

    Situation

    hier und jetzt

    immer und ewig

    auf lange Zeit

    Anwendung

    heterogen

    homogen, varianzfrei

    heterogen

    Freiheitsgrade

    ja

    nein (Ausschliesslichkeitscharakter)

    ja

    Kontingenz

    ja

    nein

    ja

    Anspruch

    singulär

    total

    singulär

    mentaler Zugriff (Wirkung)

    positiv besetzte Aspekte und Assoziationen betonend

    ängstigend/

    verheißend/

    bedrohend

    vertrauensbildend,

    Glaubwürdigkeit steigernd

    Modus

    emotiv

    emotiv/kognitiv

    emotiv /kognitiv

    Reflexive Modi

    Bewertungen (sachl.), Erfolg (temp.), Orien. an anderen (soz.)

    reflexive Bewertungen (»Richtige Werte«, »alle anderen«,«immer/nie«)

    Bewertungen (sachl.), Erfolg (temp.), Orient. an anderen (soz.)

     

  4. Dem Adressat von Propaganda wird - vorsätzlich und konsequent - die Befolgung dieser Verhaltensprämisse abverlangt, womit ihm zugleich die Freiheit eigener Entscheidung entzogen wird.[2]
  5. Damit der Rezipient (Gläubige) dieser Vorabentscheidung (bedingungslos) folgt, werden positive und insbesonders negative Sanktionen skizziert, die
  6. möglichst so formuliert werden, dass sie nicht überprüft werden können. Typisch hierfür ist, dass sie in die Zukunft verlegt werden - als Drohung oder auch als eschatologische Heilsgewissheit.

Die Existenz genau dieser Struktur lässt sich sowohl für religöse als auch politischer Propaganda nachzeichnen. Religiöse Propaganda ist der älteste uns bekannte Typ von Propaganda, der sich, mehr oder minder affin, bei den meisten uns bekannten Religionen und Sekten findet. Er besitzt die folgende Struktur:

  1. Das Objekt, das propagiert wird, ist eine übersinnliche Autorität mit Namen »Gott«. Das Alleinstellungsmerkmal lautet »Ich bin der Herr, Dein Gott«.
  2. Die Verhaltensprämisse lautet »Glaube an Gott!«.
  3. Der Ausschließlichkeitscharakter lautet »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.«
  4. Die Sanktion liegt in der Erfindung des Bösen; Wer nicht gottgläubig ist, wird an einen mit besonderen Schikanen ausgestatteten Ort (die Hölle mit Fegefeuer und ewiger Verdammnis) überstellt. Umgekehrt wird als positive Sanktion (und darum weit weniger wirksam) das Paradies, das ewige Leben, verheißen.
  5. Die Nichtüberprüfbarkeit dieser Sanktionen wird - höchst effektiv - dadurch gesichert, dass diese Sanktionen erst nach dem Tode greifen, sie ist also kontrafaktisch auf Dauer gestellt und gegen Widerlegung geschützt.

Bei politischer Propaganda findet sich die folgende Struktur:

  1. Das Alleinstellungsmerkmal ist eine charismatische Figur (»Der Führer«) oder eine allmächtige Organisation (»Die Partei«).
  2. Die Verhaltensprämisse lautet »Gehorche dem Führer/der Partei«.
  3. Der Auschließlichkeitscharakter ist diffuser formuliert, aber gleichwohl deutlich nachweisbar. Er äussert sich in Formulierungen wie »Die Partei hat immer recht«, aber vor allem in der massiv negativen Stigmatisierung und Sanktionierung bei Verweigerung von Gehorsam oder Linientreue, z.B. als Ketzer, Abweichler, Volkszersetzer, Dissident, Konterrevolutionär etc.
  4. Die Verheißung positiver Sanktionen wird ebenfalls in die Zukunft gelegt - sei es in der Figur des Endsieges, der Idee eines 1000-jährigen Reiches oder der ebenfalls in die Zukunft verlagerten proletarischen Weltrevolution. Negative Sanktionen werden stärker in Anspruch genommen, typischerweise mit massiver Beteiligung von Öffentlichkeit (Schauprozesse etc.). Der Bezug der Kirche auf das »auserwählte Volk, die Kinder Gottes« wird analog hergestellt durch Definition einer auserwählten oder zumindest als überlegen propagierten Population (Klasse, Rasse). Die Vorzüge dieser Population sind besonders gut darstellbar, wenn dafür ein Feindbild aufgebaut werden kann (der Kapitalismus, die Juden, das perfide Albion etc.).
  5. Die Nichtnachprüfbarkeit der Verheißung, die von der Kirche durch Erfindung des »Ewigen Lebens« geradezu genial gesichert ist, kann von der politischen Propaganda nur ansatzweise installiert werden - vor allem wieder durch Bezug auf eine bessere Zukunft, deren gesichertes Eintreten daher selbst zum zu propagierenden Bestandteil von Propaganda gemacht werden muß.

IV.

Der Vergleich zwischen den Möglichkeiten kirchlicher und politischer Propaganda zeigt, dass politische Propaganda weit weniger kontrafaktisch gesichert ist und daher sehr viel mehr einer laufenden Unterstützung bedarf. Doch selbst der Glaube bedarf, wie alle Überzeugung, einer kontinuierlichen Stabilisierung, die in der Regel kommunikativ ins Werk gesetzt wird.[3] Unterbleibt diese Stabilisierung - der Tanz um das Goldene Kalb ist hierfür wohl das erste historische Beispiel - so verlieren Überzeugungen offenbar ebenso schnell ihre Kraft, wie Images, die unabdingbar auf kontinuierliche Unterfütterung angewiesen sind. Das lenkt die Frage auf Bedingungen, unter denen Wirkungen stark und flächendeckend generiert werden können.

Eine erste Antwort lässt sich aus der Wirkungsforschung ableiten. Wie bekannt, verdanken sich die starken Effekte von Kommunikation nicht unbedingt den Stimuli, die der aristotelisch geschulte Kommunikator vielleicht absendet, sondern vielmehr einem spezifischen Arrangement des Kontextes, in dem die Kommunikation stattfindet, nämlich reflexiven Effekten, deren Einsatz auch die Inszenierung von Propaganda fordert. Der laufende Verweis darauf, dass alle (anderen) sich konform verhalten (i.e. die angesonnene Propaganda befolgen), ist ein erstes und basales Mittel, Propaganda zu stützen: Die regelmässige Versammlung zum Gottesdienst, organisierte Massenaufmärsche, aber auch öffentliche Ketzerverbrennung, organisierte Schauprozesse[4] oder die öffentliche Ausgrenzung von »Volksschädlingen« z.B. durch Zwang, durch öffentliche Stigmatisierung (»Judenstern«) etc. sind solche Mittel der Stabilisierung, die ein kollektives Bewusstsein, ein Wir-Gefühl sichern helfen - insbesondere auch dadurch, dass alle vorhandenen sozialen, ethnischen oder religiösen Unterschiede innerhalb der mit Propaganda bedachten Population eskamotiert werden (»Ein Volk, ein Reich, ein Führer«).

Daneben werden alle Strategien genutzt, um das Objekt der Propaganda groß und erhaben darzustellen und den Rezipienten auch dadurch zu stabilisieren bzw. einzuschüchtern - sei es durch gewalttätige Architektur (die Pyramiden von Gizeh, der Bau von Kirchtürmen, die Nürnberger Reichsparteitagsbauten) -, sei es durch laufende Verweise auf einzigartige Leistung (die sowohl dem einzelnen (dem »Held der Arbeit«) oder dem System (als dem überlegenen System) zugerechnet werden, sei es durch Entfaltung von Pomp. Diese und viele andere Mittel bezeichnet Smith (1968, 579) mit dem Begriff »Propaganda der Tat«.[5] Weisheiten wie »Man muß ad oculos demonstriren« (Wallenstein) haben hier ihren Ort.

V.

Die Strukturaffinität von religiöser und politischer Propaganda legt es nahe, die Struktur von Popaganda in einem zweiten Schritt theoretisch nochmals schärfer zu fassen. Dabei fällt auf, dass die Struktur von Propaganda systematisch von der Kombination reflexiver Struktur Gebrauch macht, die in drei Richtungen, - zeitlich, sachlich und sozial (und am besten in allen drei Richtungen zugleich) - genutzt werden können (vgl. Luhmann 1970) und die für Propaganda durch Generalisierungen auf allen Ebenen Wahrheitspotenziale und zugleich Totalität beschaffen.

Sachlich, indem die anzusinnende Alternative als »gut« bewertet wird und, nochmals reflexivisiert, als »einzig richtige« Alternative dargestellt wird und damit auf Totalität zielt. Sozial, indem der laufende Verweis erfolgt, das zu tun oder zu denken, was auch andere tun oder denken und, in der weiteren Reflexivisierung, was alle tun oder denken, was man tut oder denkt.

Temporal, indem die zeitliche Geltung generalisiert wird: So spricht hier - sicherlich nicht zufällig - die Kirche vom »ewigen Leben« bzw. von der Unendlichkeit, der Nationalsozialismus vom »1000-jährigen Reich«, der Kommunismus von dem normativ zu erwartenden Anbruch einer neuen Epoche (»Weltrevolution«) etc.

Doch erst die Kombination solcher Strukturen beschafft die überragenden Effekte: Fishbein & Ajzen (1975, 451) formulieren aus sozialpsychologischer Sicht zwei Strategien, um Einstellungen und Überzeugungen (beliefs) zu ändern: Aktive Partizipation und persuasive Kommunikation. Genau dies sind zentrale Elemente von Propaganda: die Erzeugung von Identität durch alle Formen kollektiven Handelns und die normativ gestützte Artikulation persuasiver Kommunikation durch entsprechend formulierte Botschaften - also wiederum durch Einsatz reflexiver Struktur.

Die ausnahmslose Artikulation von Superlativen stellt ihrerseits eine weitere, abstraktere reflexive Struktur dar, die als Generalisierung, als Totalität erfahren wird - und ihre Wirkungen entfaltet. Auch in der Begründung bzw. Befolgung von Glauben lässt sich eine weitere solche Struktur ausmachen: Glaube an Heilswesen oder Heilslehren lässt sich nicht rational begründen, sondern nur durch den Glauben an den Glauben[6], also nicht durch eine rationale, sondern durch eine reflexive Struktur. Glaube, als Typ weltanschaulicher Überzeugung, muss also propagierbar sein.

Propaganda, so könnte man sagen, ist ein Kommunikationsprozess, dessen Botschaften und dessen Kontext (Situation) durch mehrfache Reflexivisierung mit generalisierenden, Wahrheit beanspruchenden Potenzialen ausgestattet sind und genau dadurch ihre Totalität erlangen. Dabei ist die zugrunde liegende Struktur stets gleichartig: Die anzusinnende Verhaltensalternative ist einzigartig, auf immer gültig und von allen anerkannt und sie wird stets in einer Situation kommuniziert, die die generelle Akzeptanz dieser Botschaft suggeriert bzw. für den Fall der Nichtakzeptanz Sanktionen bereit hält.

VI.

Die durch Propaganda mögliche Machtentfaltung generiert Macht nicht durch - wie immer auch geartete - Formen von Zwang oder Gewalt, sondern dadurch, dass sie nur kommunikativ droht, also mit Suppositionen hantiert, die gerade dadurch, dass sie nicht aktualisiert werden müssen, latent und infinit wirksam bleiben.

Die kommunikative Absicherung kommunikativer Botschaften macht dabei von der Unwahrheit gezielten Gebrauch: Der Kommunikationstyp der Lüge (»Falsch Zeugnis reden«), der als erster mit fiktionalen Strukturen hantiert und dadurch faktische Wirkungen erzielt, wird im Prozess der Propaganda als konstitutive Struktur benutzt, die in der Form der Möglichkeit (Supposition) ihre temporale Latenz gewinnt: Einmal in der Behauptung eines idealisierten, einzigartigen Objekts, zum anderen in der einer unwiderlegbar richtigen und wichtigen Verhaltensprämisse, zum Dritten im möglichen Wirksamwerden von Sanktionen bei deren Nichtakzeptanz.[7]

Die Evolution fiktionaler Struktur tangiert damit auch das, was als Wahrheit gilt: Die Analyse von Öffentlichkeit zeigt beispielsweise, dass dort die Feststellung von Wahrheit im Zweifelsfall durch den Konsens einer Mehrheit definiert wird (vgl. Merten 1999, 219 ff.), was im politischen System demokratischer Gesellschaften, nur graduell abgeschwächt, mit dem Satz »In der Politik geht es nicht um Wahrheiten, sondern um Mehrheiten« umschrieben wird. In der christlichen Propaganda (vgl. Tabelle 1) wird Wahrheit durch den Glauben an Wahrheit ersetzt; in der Lenin' schen und in der nationalsozialistischen Propaganda wird Wahrheit als »Nützlichkeit des Arguments« begriffen. Dieser Abwertung des klassischen Wahrheitsbegriffs leistet der technische Fortschritt, etwa bei der beliebigen Montage von Bildern, der Platzierung beliebiger messages im Internet, der kontingenten Auswahl von Ereignissen, die zur Nachricht werden, der Ersetzung von authentischen Unterschriften durch Chip-Operationen etc., erheblichen Vorschub. Und betrachtet man die Evolution von Kommunikation, so zeigt sich sehr deutlich, dass das, was wir als Objektivität bezeichnen und das, auf das wir als wahr referieren, immer weniger durch Fakten und immer mehr durch Fiktionen bestimmt wird, was letztlich durch den beständig steigenden Bezug auf die Medien begründet wird (vgl. Merten&Schmidt&Weischenberg 1994, 159ff.). Konsequent wird daher vom Konstruktivismus der Begriff der Wahrheit (Objektivität) durch den der Viabilität (Gangbarkeit) ersetzt (vgl. Schmidt 1987, 34 ff.).

Die Strukturanalyse von Propaganda zeigt hier eine weitere Möglichkeit der Beschaffung von Wahrheit, nämlich durch Reflexivisierung fiktionaler Struktur. Abstrakter gesagt, kann man die fiktionale (unterstellte) Wahrheit eines Sachverhaltes dadurch absichern, dass man eine weitere fiktionale (unterstellte) Wahrheit mit Bezug auf die erste unterstellte Wahrheit dazu formuliert. Genau diese Möglichkeit nutzt der Eid, der Schwur: Das Beschwören von Wahrheit (einer zugrundeliegenden Aussage) ist strukturell nicht anderes als eine reflexiv garantierte Stabilisierung von Wahrheit (»Es ist wahr, dass die zugrundeliegende Aussage wahr ist«), die sich im spiegelbildlichen Gegenteil, nämlich dem Leugnen einer Lüge, ebenso wiederfindet[8] wie in der propagandistischen Beschaffung von Wahrheit, die durch Reflexivisierung von Glauben (Glauben an den Glauben; überzeugt sein von einer Überzeugung etc.) erfolgt. In letzter Konsequenz heißt das: Die semantische Struktur von Propaganda generiert durch Fiktionalisierung von Fiktionalisierung Wahrheit.

Unter der hier entwickelten Perspektive lässt sich Propaganda abschließend wie folgt definieren: Propaganda ist eine Technik zur Akzeptanz angesonnener Verhaltensprämissen, bei der die kommunizierte Botschaft durch Reflexivisierung generalisierte Wahrheitsansprüche erzeugt, deren Akzeptanz durch Kommunikation latenter Sanktionspotenziale sichergestellt wird.


[1] Verbreitung von Glauben bedient sich in der Regel sehr stark der Betonung von Gemeinsamkeit: Nicht umsonst wird das regelmäßige Zusammenkommen im Gottesdienst als verbindlich definiert, das Glaubensbekenntnis jeweils gemeinsam (im Chor) gesprochen und dadurch als wechselseitig wahrnehmbar inszeniert.

[2] Sozialpsychologisch kann das durchaus vorteilhaft sein. Jede Freiheit der Entscheidung birgt das Risiko, falsch zu entscheiden. Die Akzeptanz von Propaganda beseitigt dieses Risiko und verschafft zugleich die Gewissheit, sich wie alle anderen entschieden zu haben, stiftet also dadurch eine entlastende kollektive Identität, die tendenziell umso stärker ist, je geringer das Bildungsniveau der Zielgruppe ausfällt.

[3] Dabei sind aber offenbar weitere Hilfsmittel durchaus hilfreich. Beispielsweise ist die Verwendung von Weihrauch nicht nur einfach nur ein sakrales Ritual, sondern entfaltet durchaus betäubende oder bewusstseinserweiterende Wirkungen, wie sie etwa Cannabis zugeschrieben werden.

[4] Wenn der rechte Glauben oder die rechte Lehre schon fiktional begründbar sind, dann ist erst recht die Einhaltung dieser Linie (Linientreue) im Grunde nur noch eine Sache der Interpretation. Das bedeutet, dass in totalitären Staaten oder Glaubensgemeinschaften auch Personen, die dem Establishment aus ganz anderen Gründen unwillkommen sind, mit Leichtigkeit als Ketzer, Abweichler oder Dissident (in bezug auf Befolgung der rechten Lehre) indiziert und beseitigt werden können. Die Indizierung als Abweichler (etwa als »Trotzkist«, »Menschewik«) durch den Kommunismus war daher ein probates Mittel und im Dritten Reich hieß es analog »Hochverräter ist, wer dem Herrn Freisler nicht paßt« (vgl. Hofer 1957, 335).

[5] Fishbein & Ajzen (1975, 463) stellen resümierend fest, dass die Veränderung von Überzeugungen umso besser gelingt, je geringer das Selbstwertgefühl des zu Überzeugenden und je größer seine Beeinflussbarkeit (persuasibility), wenn der Kommunikator (der beeinflussenden Kommunikation) hohe Glaubwürdigkeit besitzt und wenn es um ein eher unwichtiges Thema geht.

[6] Der Glaube an Gott lässt damit mindestens zwei Erklärungen zu: Für die Heerschar der Gläubigen verheißt er letztendlich (eschatologisch) Glückseligkeit und damit auch schon auf Erden Entlastung und Heilsgewissheit. Rational betrachtet handelt es sich dagegen nur um die raffinierte Implementation einer Machtstruktur durch doppelte, aufeinander bezogene Fiktionalisierung: (1) Es wird eine übermenschliche Allgewalt (Gott) postuliert, die (2) ihren Erfindern mehr oder minder unbeschränkte Rechte einräumt, schon auf Erden »Gottes Wille« zu verkünden und durchzusetzen - also weltliche Macht auszuüben. Für politische Propaganda ist es daher unumgänglich, daß der weltliche Herrscher (»Führer«) sakrosankt sein muß. Im Nationalsozialismus wurde dies durch den »Reichsrechtführer« wie folgt formuliert: »Gegenüber Führerentscheidungen [...] steht dem Richter kein Prüfungsrecht zu« (Hofer 1957, 101).

[7] Man könnte versucht sein, diese Struktur reziprok zu deuten: Um Macht in der Form von Propaganda ausüben zu können, muss man ein Objekt erfinden, dessen Eigenschaften idealisiert werden können und genau dadurch die Akzeptanz von Propaganda erleichtern.

[8] Diese Struktur findet sich beispielsweise auch im Geheimnis: Es lässt sich nur dadurch wirkungsvoll schützen, indem es durch Reflexivwerden selbst geheimgehalten wird. Vgl. dazu Sievers (1974) sowie Westerbarkey (1991).


Literatur:

Aristoteles (1959a) (Hrsg. von Paul Gohlke), Rhetorik. Paderborn: Schöningh.

Aristoteles (1959b) (Hrsg. von Paul Gohlke), Rhetorik an Alexander. Paderborn: Schöningh.

Fishbein, Martin und Icek Ajzen (1975): Belief, Attitude, Intention and Behavior: An Introduction to Theory and Research. Reading/London/Amsterdam: Addison-Wessley.

Hofer, Walter (Hrsg.) (1957), Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945. Frankfurt/Main: Fischer.

Hundhausen, Carl (1975), Propaganda. Grundlagen, Prinzipien, Materialien. Essen : Girardet.

Kant, Immanuel (1968), Gesammelte Werke. Berlin : de Gruyter.

Lasswell, Harold D. (1934), Propaganda. in: Encyclopedia of the Social Sciences, Vol. 12. London. Neu abgedruckt in Robert Jackall (ed.) (1995) Propaganda. London, 13-25.

Lenin, N. (i.e. Wladimir Iljitsch Uljanow) (1901), Womit beginnen? in: Iskra Nr. 4., neu abgedruckt in: N. Lenin (1929), Agitation und Propaganda. Wien/Berlin, 20-24.

Luhmann, Niklas (1970), Reflexive Mechanismen. in: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung. Opladen: Westdeutscher Verlag, 92-112.

Merten, Klaus (1999), Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Bd.I: Grundlagen. Münster/Hamburg: Lit.

Riess, Kurt (1950), Joseph Goebbels. Baden-Baden : Dreieck-Verlages Buchhandl.

Schmidt, Siegfried J. und Siegfried Weischenberg (1994), Mediengattungen, Berichterstattungsmuster, Darstellungsformen. in: Klaus Merten, Siegfried J. Schmidt und Siegfried Weischenberg (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen: Westdeutscher Verlag, 212-236.

Schmidt, Siegfried J. (1987), Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt: Suhrkamp.

Sievers, Burkart (1974), Geheimnis und Geheimhaltung in sozialen Systemen. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Smith, Bruce Lannes (1968), Propaganda. in: International Encyclopedia of the Social Sciences, Vol.12. London/New York, 579-588.

Westerbarkey, Joachim (1991), Das Geheimnis. Zur funktionalen Ambivalenz von Kommunikationsstrukturen. Opladen: Westdeutscher Verlag.