Klaus Merten

Die Konstruktion von Macht durch Kommunikation - am Beispiel von Propaganda

   
             
 
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Zwar wird der Begriff der Propaganda erst im Dreissigjährigen Krieg (1622) eingeführt, doch Ansätze von und der Umgang mit Propaganda sind schon 2000 Jahre früher, nämlich in der Rhetorik des Aristoteles (384-322 v.Chr.) zu finden.

Neu an der Rhetorik des Aristoteles (1959b, 32f.) ist u.a. die erstmals codifizierte Freiheit, für oder gegen etwas zu sein und damit ohne persönliche Überzeugung zu argumentieren. Kriterien für die jeweils zu fällende Entscheidung werden positiviert durch Bindung an die Situation, womit die Bindung an Wahrheit modalisiert und aufgelöst werden kann.

Im Jahr 1622 gründet Papst Gregor XV. eine Einrichtung, die er Congregatio de propaganda fide nennt und die für die Verbreitung oder Ausbreitung des Glaubens zuständig sein soll:

»Durch den unerforschlichen Ratschluss der göttlichen Vorsehung ohne Unser Verdienst zur Leitung der Kirche Christi berufen, sehen Wir es als Hauptaufgabe Unseres Hirtenamtes an, sorgfältig darüber zu wachen und, soweit es Uns durch Gottes Gnade verliehen wird, Uns eifrig darum zu bemühen, die elend verirrten Schafe zum Schafstall Christi zu führen und zur Anerkennung des Herrn und Hirten der Herde zu bewegen« (Bulle 58 von Papst Gregor XV. vom 22.6.1622, hier zitiert nach Hundhausen 1975, 92).

Der Glaube - so kann man diesen Akt verstehen - kann zwar nicht rational, sondern nur durch den Glauben an den Glauben begründet werden; aber es erscheint möglich, hier durch planvolles Handeln - eben: durch Propaganda - Sukkurs zu leisten.

Nach kommunistischer Auffassung ist Propaganda - im Verständnis von Lenin (1901, 20 ff.) »Agitation« - wahr und glaubwürdig; die Agitatoren fühlten sich durchaus als ehrenwerte Zeitgenossen (so Smith 1969, 579) und unbezweifelbar wird der Propaganda in der Sowjetunion erstmalig ein besonderer Stellenwert für die flächendeckende Beeinflussung und Lenkung der Bevölkerung eingeräumt.

Offenbar lässt sich durch Propaganda eine kollektive, homogene Ausrichtung von Bewusstsein und Verhalten durchsetzen, Propaganda hat eine integrierende Funktion. Propaganda setzt auf der anderen Seite aber Täuschung voraus. Adolf Hitler selbst sagt hierzu: »Durch kluge und dauernde Anwendung von Propaganda (kann) einem Volke selbst der Himmel als Hölle vorgemacht werden und umgekehrt das elendste Leben als Paradies« (hier zitiert nach Hundhausen 1975, 15). Die Veranstalter von Propaganda wissen also sehr gut, dass sie das Volk damit semantisch verführen können - und müssen. Goebbels notiert am Abend des 18. Februar 1943, nach seiner Rede im Sportpalast: »Diese Stunde der Idiotie. Wenn ich den Leuten gesagt hätte, springt aus dem dritten Stock des Columbushauses, sie hätten es auch getan!« (Riess 1950, 356).

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Literatur

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