Klaus Merten
Die Konstruktion von Macht durch Kommunikation - am Beispiel von Propaganda
Abschnitt 2

   
             
 
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II.

Die wissenschaftliche Analyse von Propaganda wird - unter dem Eindruck kommunistischer und nationalsozialistischer Erfolge von Propaganda - maßgeblich von einem der Väter der Kommunikationsforschung bestimmt: Harold D. Lasswell (1902-1976). Er begreift Propaganda als Oberbegriff, unter den auch Phänomene wie Werbung und Publicity (PR) zu fassen sind. Zugleich grenzt Lasswell Propaganda (Manipulation von Zeichen) als rein kommunikative Aktivität ab von Agitation. Er definiert Propaganda als

»technique of influencing human action by the manipulation of representations. These representations may take spoken, written, pictorial or musical form [...]. Both advertising and publicity fall within the field of propaganda [...] Modern revolutionaries use propaganda to mean the spreading of doctrine; incitement is agitation« (Lasswell 1995, 13).

Lasswell begreift Propaganda also nicht mehr als Textsorte, sondern als Kommunikationssituation, die den Kontext, in dem sie entfaltet werden soll, insbesondere aber die Disposition des Rezipienten, sorgfältig zu berücksichtigen hat. In Anlehnung an Lasswell, der sich wiederum auf Freud beruft, entwickelt Smith (1968, 584) die Idee, dass die zu verbreitenden Symbole nicht nur rational das Ego, sondern auch emotional das Es und moralisch das Über-Ich ansprechen müssen.

In der Mediengesellschaft wird Überredung (Persuasion) der Werbung zugesprochen. Der persuasive Zugriff auf den Rezipienten erfolgt in der Regel kurzfristig und produktbezogen - sozusagen als semiotischer Überraschungsangriff - und verschwindet nach Ausführung der angesonnenen Kaufhandlung.

Überzeugen unterscheidet sich von Überreden dadurch, dass Überzeugungen als Folge von Kommunikation langfristig angelegt sind und auf das Bewusstsein gerichtet sind, während Überredung nur die Gunst der Situation nutzt, und dies nur so lange, bis der Akt, den die Überredung auslösen soll, erfolgt ist. Nach Kant (1968, Bd.4, 687f.) ist eine Überzeugung ein Fürwahrhalten, das auf objektiven Gründen beruht »wenn es für jedermann gültig ist, so fern er nur Vernunft hat«. Überzeugung gilt als Grundfunktion von Public Relations. Überzeugungen können aber - diese Erkenntnis verdanken wir Aristoteles (1959a, 32 f.) - nicht nur kognitiv (vernünftig, d.h. logisch begründbar) zustandekommen, sondern auch affektiv.

Anders als die Werbung, setzt Propaganda ihre Intention nicht nur dadurch um, dass sie positive Assoziationen herstellt, sondern in ihrem Anspruch totalitär vorgeht und die Nichtausführung (Nichtbefolgung) der angesonnenen Handlungsalternative mit Sanktionen belegt. Dass diese Androhung im Prozess der Indoktrination an Sichtbarkeit und Notwendigkeit abnehmen kann und nurmehr latent wirksam bleibt, sagt nichts gegen ihre prinzipielle Verfügbarkeit. Tabelle 1 stellt die genannten drei Begriffe in einer Synopse vor:

Glaube wird als Überzeugung, aber auch als Vertrauen, im christlichen Sinne als Antwort auf die Gnade Gottes (Fiduzialglaube) verstanden, der als solcher nicht kognitiv begründbar ist, dem aber die Kognition dann zu folgen hat (um die Autorität Gottes anzuerkennen). Glaube ist strukturell als Reflexivwerden von Überzeugung zu begreifen und gegen Widerlegung schon dadurch geschützt, dass den propagierten Heilspersonen samt und sonders übermenschliche Fähigkeiten zugesprochen werden (»der Allwissende«, »der Allerbarmer« etc.).

Glaube lässt sich somit als ein Fall von Propaganda begreifen, bei dem eine einzige bestimmte Person - Gott - konkurrenzlos gestellt wird (ein Alleinvertretungsmerkmal reklamiert) und erlangt als Weltanschauung vor allem dadurch unbegrenzte Wirksamkeit, dass der Glaube an einen Gott (eine unbeschränkte Instanz) von jedermann temporal unbegrenzt verbindlich erwartet oder sogar abgefordert wird.[1]

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Literatur

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