Klaus Merten
Die Konstruktion von Macht durch Kommunikation - am Beispiel von Propaganda
Abschnitt 4

   
             
 
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IV.

Der Vergleich zwischen den Möglichkeiten kirchlicher und politischer Propaganda zeigt, dass politische Propaganda weit weniger kontrafaktisch gesichert ist und daher sehr viel mehr einer laufenden Unterstützung bedarf. Doch selbst der Glaube bedarf, wie alle Überzeugung, einer kontinuierlichen Stabilisierung, die in der Regel kommunikativ ins Werk gesetzt wird.[3] Unterbleibt diese Stabilisierung - der Tanz um das Goldene Kalb ist hierfür wohl das erste historische Beispiel - so verlieren Überzeugungen offenbar ebenso schnell ihre Kraft, wie Images, die unabdingbar auf kontinuierliche Unterfütterung angewiesen sind. Das lenkt die Frage auf Bedingungen, unter denen Wirkungen stark und flächendeckend generiert werden können.

Eine erste Antwort lässt sich aus der Wirkungsforschung ableiten. Wie bekannt, verdanken sich die starken Effekte von Kommunikation nicht unbedingt den Stimuli, die der aristotelisch geschulte Kommunikator vielleicht absendet, sondern vielmehr einem spezifischen Arrangement des Kontextes, in dem die Kommunikation stattfindet, nämlich reflexiven Effekten, deren Einsatz auch die Inszenierung von Propaganda fordert. Der laufende Verweis darauf, dass alle (anderen) sich konform verhalten (i.e. die angesonnene Propaganda befolgen), ist ein erstes und basales Mittel, Propaganda zu stützen: Die regelmässige Versammlung zum Gottesdienst, organisierte Massenaufmärsche, aber auch öffentliche Ketzerverbrennung, organisierte Schauprozesse[4] oder die öffentliche Ausgrenzung von »Volksschädlingen« z.B. durch Zwang, durch öffentliche Stigmatisierung (»Judenstern«) etc. sind solche Mittel der Stabilisierung, die ein kollektives Bewusstsein, ein Wir-Gefühl sichern helfen - insbesondere auch dadurch, dass alle vorhandenen sozialen, ethnischen oder religiösen Unterschiede innerhalb der mit Propaganda bedachten Population eskamotiert werden (»Ein Volk, ein Reich, ein Führer«).

Daneben werden alle Strategien genutzt, um das Objekt der Propaganda groß und erhaben darzustellen und den Rezipienten auch dadurch zu stabilisieren bzw. einzuschüchtern - sei es durch gewalttätige Architektur (die Pyramiden von Gizeh, der Bau von Kirchtürmen, die Nürnberger Reichsparteitagsbauten) -, sei es durch laufende Verweise auf einzigartige Leistung (die sowohl dem einzelnen (dem »Held der Arbeit«) oder dem System (als dem überlegenen System) zugerechnet werden, sei es durch Entfaltung von Pomp. Diese und viele andere Mittel bezeichnet Smith (1968, 579) mit dem Begriff »Propaganda der Tat«.[5] Weisheiten wie »Man muß ad oculos demonstriren« (Wallenstein) haben hier ihren Ort.

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Literatur

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