Klaus Merten
Die Konstruktion von Macht durch Kommunikation - am Beispiel von Propaganda
Abschnitt 5

   
             
 
   Home    
   

V.

Die Strukturaffinität von religiöser und politischer Propaganda legt es nahe, die Struktur von Popaganda in einem zweiten Schritt theoretisch nochmals schärfer zu fassen. Dabei fällt auf, dass die Struktur von Propaganda systematisch von der Kombination reflexiver Struktur Gebrauch macht, die in drei Richtungen, - zeitlich, sachlich und sozial (und am besten in allen drei Richtungen zugleich) - genutzt werden können (vgl. Luhmann 1970) und die für Propaganda durch Generalisierungen auf allen Ebenen Wahrheitspotenziale und zugleich Totalität beschaffen.

Sachlich, indem die anzusinnende Alternative als »gut« bewertet wird und, nochmals reflexivisiert, als »einzig richtige« Alternative dargestellt wird und damit auf Totalität zielt. Sozial, indem der laufende Verweis erfolgt, das zu tun oder zu denken, was auch andere tun oder denken und, in der weiteren Reflexivisierung, was alle tun oder denken, was man tut oder denkt.

Temporal, indem die zeitliche Geltung generalisiert wird: So spricht hier - sicherlich nicht zufällig - die Kirche vom »ewigen Leben« bzw. von der Unendlichkeit, der Nationalsozialismus vom »1000-jährigen Reich«, der Kommunismus von dem normativ zu erwartenden Anbruch einer neuen Epoche (»Weltrevolution«) etc.

Doch erst die Kombination solcher Strukturen beschafft die überragenden Effekte: Fishbein & Ajzen (1975, 451) formulieren aus sozialpsychologischer Sicht zwei Strategien, um Einstellungen und Überzeugungen (beliefs) zu ändern: Aktive Partizipation und persuasive Kommunikation. Genau dies sind zentrale Elemente von Propaganda: die Erzeugung von Identität durch alle Formen kollektiven Handelns und die normativ gestützte Artikulation persuasiver Kommunikation durch entsprechend formulierte Botschaften - also wiederum durch Einsatz reflexiver Struktur.

Die ausnahmslose Artikulation von Superlativen stellt ihrerseits eine weitere, abstraktere reflexive Struktur dar, die als Generalisierung, als Totalität erfahren wird - und ihre Wirkungen entfaltet. Auch in der Begründung bzw. Befolgung von Glauben lässt sich eine weitere solche Struktur ausmachen: Glaube an Heilswesen oder Heilslehren lässt sich nicht rational begründen, sondern nur durch den Glauben an den Glauben[6], also nicht durch eine rationale, sondern durch eine reflexive Struktur. Glaube, als Typ weltanschaulicher Überzeugung, muss also propagierbar sein.

Propaganda, so könnte man sagen, ist ein Kommunikationsprozess, dessen Botschaften und dessen Kontext (Situation) durch mehrfache Reflexivisierung mit generalisierenden, Wahrheit beanspruchenden Potenzialen ausgestattet sind und genau dadurch ihre Totalität erlangen. Dabei ist die zugrunde liegende Struktur stets gleichartig: Die anzusinnende Verhaltensalternative ist einzigartig, auf immer gültig und von allen anerkannt und sie wird stets in einer Situation kommuniziert, die die generelle Akzeptanz dieser Botschaft suggeriert bzw. für den Fall der Nichtakzeptanz Sanktionen bereit hält.

top

 
Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Abschnitt 5

Abschnitt 6

Literatur

Druckversion