Klaus Merten
Die Konstruktion von Macht durch Kommunikation - am Beispiel von Propaganda
Abschnitt 6

   
             
 
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VI.

Die durch Propaganda mögliche Machtentfaltung generiert Macht nicht durch - wie immer auch geartete - Formen von Zwang oder Gewalt, sondern dadurch, dass sie nur kommunikativ droht, also mit Suppositionen hantiert, die gerade dadurch, dass sie nicht aktualisiert werden müssen, latent und infinit wirksam bleiben.

Die kommunikative Absicherung kommunikativer Botschaften macht dabei von der Unwahrheit gezielten Gebrauch: Der Kommunikationstyp der Lüge (»Falsch Zeugnis reden«), der als erster mit fiktionalen Strukturen hantiert und dadurch faktische Wirkungen erzielt, wird im Prozess der Propaganda als konstitutive Struktur benutzt, die in der Form der Möglichkeit (Supposition) ihre temporale Latenz gewinnt: Einmal in der Behauptung eines idealisierten, einzigartigen Objekts, zum anderen in der einer unwiderlegbar richtigen und wichtigen Verhaltensprämisse, zum Dritten im möglichen Wirksamwerden von Sanktionen bei deren Nichtakzeptanz.[7]

Die Evolution fiktionaler Struktur tangiert damit auch das, was als Wahrheit gilt: Die Analyse von Öffentlichkeit zeigt beispielsweise, dass dort die Feststellung von Wahrheit im Zweifelsfall durch den Konsens einer Mehrheit definiert wird (vgl. Merten 1999, 219 ff.), was im politischen System demokratischer Gesellschaften, nur graduell abgeschwächt, mit dem Satz »In der Politik geht es nicht um Wahrheiten, sondern um Mehrheiten« umschrieben wird. In der christlichen Propaganda (vgl. Tabelle 1) wird Wahrheit durch den Glauben an Wahrheit ersetzt; in der Lenin' schen und in der nationalsozialistischen Propaganda wird Wahrheit als »Nützlichkeit des Arguments« begriffen. Dieser Abwertung des klassischen Wahrheitsbegriffs leistet der technische Fortschritt, etwa bei der beliebigen Montage von Bildern, der Platzierung beliebiger messages im Internet, der kontingenten Auswahl von Ereignissen, die zur Nachricht werden, der Ersetzung von authentischen Unterschriften durch Chip-Operationen etc., erheblichen Vorschub. Und betrachtet man die Evolution von Kommunikation, so zeigt sich sehr deutlich, dass das, was wir als Objektivität bezeichnen und das, auf das wir als wahr referieren, immer weniger durch Fakten und immer mehr durch Fiktionen bestimmt wird, was letztlich durch den beständig steigenden Bezug auf die Medien begründet wird (vgl. Merten,Schmidt,Weischenberg 1994, 159ff.). Konsequent wird daher vom Konstruktivismus der Begriff der Wahrheit (Objektivität) durch den der Viabilität (Gangbarkeit) ersetzt (vgl. Schmidt 1987: 34 ff.).

Die Strukturanalyse von Propaganda zeigt hier eine weitere Möglichkeit der Beschaffung von Wahrheit, nämlich durch Reflexivisierung fiktionaler Struktur. Abstrakter gesagt, kann man die fiktionale (unterstellte) Wahrheit eines Sachverhaltes dadurch absichern, dass man eine weitere fiktionale (unterstellte) Wahrheit mit Bezug auf die erste unterstellte Wahrheit dazu formuliert. Genau diese Möglichkeit nutzt der Eid, der Schwur: Das Beschwören von Wahrheit (einer zugrundeliegenden Aussage) ist strukturell nicht anderes als eine reflexiv garantierte Stabilisierung von Wahrheit (»Es ist wahr, dass die zugrundeliegende Aussage wahr ist«), die sich im spiegelbildlichen Gegenteil, nämlich dem Leugnen einer Lüge, ebenso wiederfindet[8] wie in der propagandistischen Beschaffung von Wahrheit, die durch Reflexivisierung von Glauben (Glauben an den Glauben; überzeugt sein von einer Überzeugung etc.) erfolgt. In letzter Konsequenz heißt das: Die semantische Struktur von Propaganda generiert durch Fiktionalisierung von Fiktionalisierung Wahrheit.

Unter der hier entwickelten Perspektive lässt sich Propaganda abschließend wie folgt definieren: Propaganda ist eine Technik zur Akzeptanz angesonnener Verhaltensprämissen, bei der die kommunizierte Botschaft durch Reflexivisierung generalisierte Wahrheitsansprüche erzeugt, deren Akzeptanz durch Kommunikation latenter Sanktionspotenziale sichergestellt wird.

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Literatur

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