Winfried Nöth

Selbstreferenz in systemtheoretischer und in semiotischer Sicht

1. Selbstreferenz in systemtheoretischer Sicht

Selbstreferenz, Selbstbezüglichkeit oder auch Reflexivität sind Schlüsselbegriffe der Systemtheorie und der konstruktivistischen Kognitions-, Kommunikations- und Medientheorie. Nach Luhmann (z.B. 1995: 15, 28) steht Selbstreferenz im Gegensatz zur Fremdreferenz. Selbstreferentielles Beobachten ist ein Beobachten, welches sich auf das beobachtende System bzw. auf den Prozeß des Beobachtens selbst bezieht, während sich fremdreferentielles Beobachten auf Phänomene in der Umwelt des Systems, also auf Tatsachen in der Realität, bezieht.

1.1 Selbstreferenz als Autopoiese

Allgemein ist aus der Sicht der Systemtheorie ein selbstreferentielles System dadurch gekennzeichnet, daß es ausschließlich auf sich selbst bezogen ist, um auf diese Weise seine Autonomie gegenüber einer Umwelt zu gewährleisten, von der es sich notwendigerweise zur Sicherung der eigenen Identität »abgekoppelt« hat (vgl. Schmidt 1987: 25, 55; 1994: 24). Selbstreferenz in diesem Sinn ist ein Synonym von Autopoiese im Sinne von Maturana und Varela (1972; Luhmann 1984: 60). Die Opposition zwischen Selbst- und Fremdreferenz hat auf dieser Ebene der Systemanalyse noch keine Gültigkeit. Lebende Systeme (Organismen) sind aus der Sicht der Systemtheorie grundsätzlich selbstreferentielle Systeme. Nur Maschinen gehören zu den komplexen Systemen, die durch Fremdreferenz bestimmt sind, denn sie müssen von außen, nämlich vom Menschen gesteuert werden (Nöth 2000b). Für spezifische Forschungsfelder finden sich im Konstruktivismus verschiedene besondere Bestimmungen der Selbstreferenz.

1.2 Selbstreferenz der Kognition

Kognitionstheoretisch geht S.J. Schmidt (1987: 15) mit Gerhard Roth (z.B. 1987) von der grundsätzlichen Selbstreferentialität des Gehirns aus, denn dieses könne ohne direkten Zugang zur Welt nichts von außen abbilden, sondern nur etwas für sich selbst konstruieren. Auch diese Theorie von der Selbstreferentialität des Gehirns läßt sich unter den Begriff der Autopoiese subsumieren. Nach dieser Prämisse gibt es keine theoretische Alternative zur Selbstreferentialität der Kognition. Nur Maschinen, wie etwa automatische Kameras, bilden ihre Umwelt nicht selbst- sondern fremdreferentiell ab, denn sie werden letztlich doch immer von Menschen in Betrieb gesetzt. Die Operationen des menschlichen Gehirns sind dagegen aus konstruktivistischer Sicht immer selbstreferentiell. Allerdings verkennt diese Auffassung die evolutionsgeschichtliche Fremdreferentialität des menschlichen Gehirns, wonach die Veränderungen, die im Laufe der Evolution zum Wachstum des Gehirns geführt haben, nicht allein aus den Systemeigenschaften des Organismus selbst erklärt werden können (vgl. Nöth 2001).

1.3 Selbstreferenz der Kommunikation

Auch kommunikationstheoretisch ist nach Luhmann (1984: 166f.) grundsätzlich ein »selbstreferentieller Zirkel« anzunehmen, denn die Kommunikationspartner gehen stets von der gegenseitig gültigen Maxime aus, »Ich lasse mich von dir nicht bestimmen, wenn du dich nicht von mir bestimmen läßt«. Luhmann unterscheidet drei Formen der Selbstreferenz: Basale Selbstreferenz liegt in der stetigen Verstehenskontrolle durch Rückkoppelung und Bestätigungen, durch die in »Anschlußkommunikationen« gezeigt werden muß, daß das Vorausgehende verstanden wurde. Hinzu kommt die prozessurale Selbstreferenz als eigentliche Reflexivität der Kommunikation. Sie zeigt sich, wenn wir uns darüber unterhalten, was kommuniziert werden darf und was nicht, i.a.W., es handelt sich um Kommunikation über Kommunikation, also um Metakommunikation. Schließlich gibt es die Reflexio als eine systembezogene Selbstreferenz, mit der sich das System selbst, z.B. in Form von Selbstdarstellung im Unterschied zu seiner Umwelt, bezeichnet (ebd.: 198-99, 601).

Im Anschluß an H. Feilke (1994) vertritt S.J. Schmidt (1994: 145) nicht nur die These von der Selbstreferenz der Kommunikation, sondern auch diejenige von der Selbstreferenz der Zeichen überhaupt. Die Argumente von Schmidt und Feilke lauten: »Die Verwendung von Zeichen wird nicht etwa bestimmt von Repräsentations- oder Widerspiegelungsfunktionen, sondern die Anschließbarkeit an einen semiotischen Habitus dient als primäre Norm der Zeichenverwendung.« Nicht die Referenz, sondern ‚der »etablierte Gebrauch« bestimme den »sozialen Gegenwert« des sprachlichen Zeichens. Referenz sei demnach »immer zuerst Selbstreferenz, d.h. Rückbezug von Kommunikation auf Kommunikation«.

Etwas andere Auffassungen von der kommunikativen Selbstreferentialität werden unter dem Oberbegriff der Reflexivität der Kommunikation vertreten. Merten versteht darunter die metakommunikative Bezugnahme der nonverbalen auf die verbale Kommunikation, die dem Nonverbalen eine Funktion der Bewertung des Verbalen zukommen läßt. Dabei unterscheidet er zwischen einer Reflexivität in der Sachdimension, welche Aussagen über Aussagen betrifft, und eine Reflexivität in der Sozialdimension, mit welcher die Selbstbezüglichkeit des kommunikativen Handelns gemeint ist (vgl. Schmidt 1994: 59-65).

Eng verbunden mit dem Kriterium der Intentionalität ist die Reflexivität der Kommunikation nach Meggle (1991) und Castañeda (1991). Für sie ist Kommunikation reflexives Handeln, weil der Kommunikator darauf abzielt, bei den Rezipienten Zustände hervorzurufen, die sich auch auf den Kommunikator selbst beziehen, denn mit Kommunikation verfolgt der Kommunikator das Ziel, selbst verstanden zu werden. Kommunikation ist konsensorientiert, und diese Orientierung betrifft sowohl den Sender als auch den Empfänger der Nachricht. Reflexivität liegt ferner darin, daß der Kommunikator davon ausgeht, daß auch der Rezipient erkennt, daß es sich um ein kommunikatives Geschehen handelt.

1.4 Selbstreferenz in den Medien nach Luhmann

Während die konstruktivistische Theorie von der Selbstreferenz der Kognition und der Kommunikation allgemein keine Alternative zuläßt, da Kognition und Kommunikation prinzipiell und immer selbstreferentiell sei, stellt Luhmann (1995: 24-30) in seiner Medientheorie die Selbstreferenz der Fremdreferenz gegenüber.

Selbstreferenz bestimmt danach die »Funktion« der Medien. Diese besteht in der Tendenz, mediale Kommunikation als Kommunikation zu reflektieren, allein schon wegen der ökonomischen Notwendigkeit, welche die Medien zwingt, stets für die Fortsetzung der Kommunikation zu sorgen. Mithin »arbeitet das System der Massenmedien in der Annahme, daß die eigenen Kommunikationen in der nächsten Stunde oder am nächsten Tag fortgesetzt werden. Jede Sendung verspricht eine weitere Sendung. Nie geht es dabei um die Repräsentation der Welt, wie sie im Augenblick ist« (ebd.: 26).

Mediale Fremdreferenz manifestiert sich dagegen in den Themen der Medien, die ebenso wie die Selbstreferenz ein »unumgängliches Erfordernis der medialen Kommunikation« darstellen (Luhmann 1995: 28). Während die Themen fremdreferentiell sind und somit nicht von den Medien selbst produziert werden können, folgt deren weitere Verarbeitung dann auf selbstreferentielle Weise nach den Gesetzen der medialen Kommunikation. Zu diesen Gesetzen zählt auch die Sicherung der Glaubwürdigkeit der medialen Kommunikation durch die Medien selbst, die S. J. Schmidt (1994: 270; 1998: 42) im Anschluß an Klier (1989) als eine besondere Form der Reflexivität der Medien thematisiert: Die Zweifel des Publikums an der Glaubwürdigkeit der Medien sind heute medial institutionalisiert, denn nur in den Medien können diese Zweifel veröffentlicht werden. Dadurch aber werden die Medien selbst zum Garant ihrer eigenen Glaubwürdigkeit. Mithin »muß man den Medien nicht glauben, aber man kann auch nicht verneinen, daß sie verbindlich sind — wären sie es nicht, wir würden es morgen in den Medien erfahren« (Schmidt 1998: 43).

2. Referenz und das semiotische Paradox von der genuinen Selbstreferenz

Referenz zählt zu den Grundbegriffen in der Allgemeinen Zeichentheorie ebenso wie in der linguistischen Semantik und Pragmatik (Nöth 2000a). Vor diesem semiotischen Hintergrund stellt der Begriff der Selbstreferenz ein Paradox dar. Kein Zeichen kann eigentlich auf sich selbst verweisen, denn es ist das Wesen der Zeichen, auf etwas anderes zu verweisen. Aliquid stat pro aliquo, besagte die Zeichendefinition der Scholastiker, das Zeichen ist also ‚etwas, das für etwas anderes« stehen muß, und bei Augustinus lesen wir: »Signum est enim res, praeter speciam quam ingerit sensibus, aliud aliquid ex se faciens in cogitationem venire« (De doctr. Christ. 2.1.1) [»Das Zeichen ist also ein Ding, welches außer der Erscheinung, die es den Sinnen vermittelt aus sich heraus etwas anderes zur Erkenntnis bringt«].

2.1 Strukturalisten und Konstruktivisten gegen die naive Auffassung von der Referenz

Gegen die naive Auffassung von der Referenz der Zeichen als einem einfachen Verweis auf die Welt hat es vielerlei berechtigte semiotische Kritik gegeben. Kategorisch lehnt z.B. Luhmann (1993: 50) in seiner Theorie vom Zeichen als Form die Theorie der Referenz ab: »Für das Zeichen als Form gibt es in der Tat keine Referenz. [...] Das heißt: Die Unterscheidung Bezeichendes/Bezeichnetes kann man verwenden oder auch nicht. Es gibt nichts »Externes«, was qua Referenz dazu zwänge; und es gibt auch kein Wahrheitskriterium für die Wahl einer Ausgangsunterscheidung. Deshalb muß eine als Semiotik konstruierte Sprachtheorie auf eine externe Referenz der Sprache verzichten.«

Zum Verzicht auf die Dimension der Referenz hat allerdings lange vor Luhmann bereits die strukturalistische Semiotik aufgerufen (s. Nöth 2000a: 74-75). Nach Saussure sind Zeichen nur Zeichen qua Opposition zu anderen Zeichen und nicht in ihrem Bezug auf die Welt. Lacan hat diese These radikalisiert, als er von dem »unüberwindbaren Abgrund« sprach, welcher zwischen dem Signifikanten und dem Signifikat des Sprachzeichens liege (s. ebd.: 50).

Hier gibt es durchaus Affinitäten zwischen dem Strukturalismus und dem Konstruktivismus. Das Argument des Konstruktivisten Schmidt (1994: 97), daß Zeichen ihre Verankerung nicht im »Diskursjenseits« haben, könnte wortgleich von einem Strukturalisten stammen. Doch während die Strukturalisten die Bedeutung des Zeichens aus seinem Stellenwert im System der Zeichen zu ermitteln suchen, liegt der Bezugsrahmen für die Bestimmung des Wertes eines Zeichens für die Konstruktivisten allein in der Kommunikation, nämlich »im Rückbezug der Kommunikation auf Kommunikation, in der Verweis- und Anschließbarkeit« (Schmidt 1994: 97).

2.2 Peirce gegen die naive Auffassung von der Referenz

Auch für die Semiotik von Charles Sanders Peirce kann die Kritik an der naiven Auffassung von der Referenz der Zeichen auf die Welt nicht gelten, obwohl sein triadisches Zeichenmodell neben dem Zeichenträger (dem Repräsentamen) und dem Interpretanten (dessen Bedeutung oder Interpretation) das Objekt als eines der drei Zeichenkorrelate definiert. Mit »Objekt« meint Peirce nämlich nicht einfach ein außersemiotisch gegebenes Referenzobjekt ‚in der Welt« oder einen »Gegenstand«, der etwas ontologisch anderes als ein Zeichen sei (vgl. Nöth 2000a: 62-65). Vielmehr ist das Objekt des Zeichens etwas, das dem Zeicheninterpreten im Moment der Zeicheninterpretation bereits »wahrnehmungsmäßig« und somit letzlich semiotisch vertraut sein muß (CP 2.230, 2.232). Das Objekt kann mithin sogar ein bloßes mentales oder imaginäres Konstrukt sein, aber es ist ein Phänomen, das im Prozeß der Semiose dem wahrgenommenen Zeichen als etwas bereits Erfahrenes voraus geht. Was dem Zeichen dann folgt, ist der Interpretant, die Interpretation des Zeichens.

Der Prozeß der Semiose vollzieht sich somit in einem Zeitkontinuum, in dem das Objekt der Dimension der Vergangenheit, das wahrgenommene Zeichen der Gegenwart und der Interpretant der Dimension der Zukunft angehört. Während die Strukturalisten den »Wert« der Zeichen in ihrem Verweis auf andere Zeichen im System der Zeichen suchen und die Konstruktivisten den stetigen Verweis der Zeichen auf die Voraussetzungen der Kommunikation und auf deren »Anschlußkommunikationen« thematisieren, geht es Peirce um das Zeichen im Prozeß der Semiose, den er als ein Kontinuum von Zeichen in einer zeitlichen Abfolge begreift. Der Verweis des Zeichens auf sein Objekt, ist dabei letztlich immer ein Verweis von Zeichen auf Zeichen.

2.3 Von der Unmöglichkeit der reinen Selbstreferenz eines Zeichens

Wenn nun Zeichen immer auf andere Zeichen oder Kommunikationen auf Anschlußkommunikationen verweisen können, so kann der Verweis eines Zeichens nie wirklich ein Verweis auf sich selbst sein. In dieser Einsicht in die Unmöglichkeit einer reinen Selbstreferenz sind sich bei aller Unterschiedlichkeit der Begründung Peirce und Luhmann einig. Luhmann (1984: 604-605) betont: »Reine Selbstreferenz im Sinne eines »nur und ausschließlich auf sich selbst Beziehens« ist unmöglich. [...] Faktisch kommt Selbstreferenz nur als ein Verweismoment unter anderen vor.« Selbstreferenz ist nämlich nie eine reine, sondern immer nur eine »mitlaufende Selbstreferenz«.

Für Peirce ergibt sich die prinzipielle Unmöglichkeit vom Verweis eines Zeichens allein auf sich selbst aus mehreren Gründen. Zuerst spricht die Bestimmung des Zeichens als eine triadische Relation gegen die Möglichkeit der reinen Selbstreferenz. Danach ist das Zeichen (als ein Erstes, unmittelbar Gegebenes) von seinem Objekt (als dem Zweiten) und seinem Interpretanten (dem Dritten) unterschieden ist. Ein genuin nur auf sich selbst bezogenes und somit gänzlich in der Kategorie der Erstheit verbleibendes Zeichen wäre ein Widerspruch in sich. Wenn sich nämlich ein Erstes auf sich selbst bezieht, setzt schon dieses Beziehen eine Relation und somit notwendigerweise ein Zweites voraus. Somit konstituiert sich bereits durch den Selbstbezug ein Unterschied zwischen dem Zeichen und dem Objekt.

Da es nun zwischen Zeichen und Objekt zumindest den Unterschied gibt, daß das eine das Verweisende und das andere das Bezugsobjekt dieses Verweises ist, so kann der Rückbezug im des selbstreferentiellen Zeichen in Wirklichkeit auch nie eigentlich zum Selbst des ursprünglichen Zeichens zurückführen. Ferner ergibt sich allein aus dem Unterschied zwischen dem Zeichen und seinem Objekt ein Drittes, nämlich die Differenz, und diese führt zu der Kategorie des Interpretanten. Hier kommt das Peircesche Prinzip vom »Wachstum der Zeichen« zum Tragen, wonach sich das Zeichen im Prozeß der Semiose von einem weniger zu einem mehr entwickelten Zeichen wandelt, so daß sich auch hier zeigt, daß die Semiose nie wirklich zu dem ihm vorausgehenden Objekt zurückkehren kann. Hiermit verwandt ist schließlich auch das Prinzip der Kontinuität im Prozeß der Semiose: Wenn sich jedes Zeichen in einem zeitlichen Kontinuum zwischen einem vorausgehenden und einem folgenden Zeichen ereignet, auf welches es bezogen ist, so gibt es einerseits eine unendliche Teilbarkeit dieses Kontinuums in weitere Zeichen (CP 6.166, vgl. Schönrich 1991: 338), andererseits die Unmöglichkeit eines Zeichens, das diesem Kontinuum entgeht, indem es nicht sukzessiv, sondern simultan Zeichen und Objekt des Zeichens zugleich wäre.

2.4 Referenzlosigkeit und Selbstrepräsentation des genuinen Ikons

Gewissermaßen als Grenzwert der Zeichenhaftigkeit erörtert Peirce aber dennoch die Möglichkeit eines Zeichens ohne Referenz, nämlich das »genuine Ikon«. Als Zeichen, das allein durch die ihm selbst eigenen Qualitäten repräsentiert, ist das genuine Ikon eine Kategorie des bloßen »Soseins« [suchness] (CP 5.74). Es ist ein Zeichen »kraft einer Eigenschaft, welches es von sich aus ganz unabhängig von seinem Objekt besitzt«, Eigenschaften, »die es auch hätte, gäbe es kein Objekt in der Natur, dem es ähneln würde« (CP 5.73, 4.447). Die aus dieser Verschmelzung von Zeichen und Objekt resultierende Zeichenrelation ist eine, die zwischen Referenzlosigkeit und Selbstreferentialität liegt. Sie ist referenzlos insofern, als es sich um ein bloßes Sosein des Zeichens handelt; sie ist selbstreferentiell insofern, als das Zeichen die Eigenschaft zu repräsentieren in sich selbst beinhaltet. Ransdell (1979: 57-60) spricht von der Selbstrepräsentation des ikonischen Zeichens, die eine materielle Identität zwischen einem Zeichenträger und seinem bezeichneten Objekt bedeutet. Allerdings kann kein konkretes ikonisches Zeichen ein genuines Ikon sein, und deshalb sind ikonische Zeichen (Hypoikons) nur in dem Maße selbstreferentiell, in dem sie ikonisch sind. Hinsichtlich ihrer anderen (symbolischen oder indexikalischen) Eigenschaften sind die konkreten ikonischen Zeichen fremdreferentiell (vgl. Ransdell 1979: 55).

Ist es überhaupt angemessen, bei einem solchen Phänomen der unmittelbaren Wahrnehmung und des bloßen Soseins noch von einem Zeichen zu sprechen? Auf jeden Fall steht die Peircesche Auffassung von der Zeichenhaftigkeit des so-seienden reinen Ikons im Gegensatz zu verschiedenen anderen Zeichentheorien, z.B. der Phänomenologie Husserls, wo das unmittelbar Wahrgenommene ausdrücklich als das noch nicht Zeichenhafte definiert ist. Ransdell zeigt jedoch, daß die Theorie von der Semiotizität des unmittelbar Wahrgenommenen in der Peirceschen Semiotik wohlbegründet ist, denn danach gibt es eigentlich keine unmittelbare Wahrnehmung, weil alle Wahrnehmung eine mittelbare und somit repräsentierende ist (ebd.: 59). Indem Peirce der phänomenologischen Auffassung von der Nichtzeichenhaftigkeit des unmittelbar Wahrgenommenen seine These von der Vermitteltheit aller Wahrnehmung gegenüberstellt, gelingt es ihm, einem Dilemma derer zu entgehen, die von der Unmittelbarkeit der Perzeption überzeugt sind. Die Doktrin von der perzeptuellen Unmittelbarkeit ist nämlich »mit der Schwierigkeit konfrontiert, zu erklären, wie eigentlich Irrtum möglich ist, wenn unsere Wahrnehmung des Objektes nicht durch etwas vermittelt wird, was Fehlrepräsentationen zuläßt« (ebd.: 61). Die traditionelle Dichotomie von der Repräsentation und der unmittelbaren Perzeption hat Peirce deshalb in seiner Theorie des Ikons zu einer semiotischen Synthese geführt, die besagt, »daß alle Kognition insofern perzeptuell ist, als sie stets (logisch, nicht psychologisch) eine ikonische Präsentation des wahrgenommenen Objektes beinhaltet« (ebd.).

3. Selbstreferenz als bloß annähernder Verweis eines Zeichens auf sich selbst

Auch wenn reine Selbstreferenz eine semiotische Paradoxie darstellt und somit keine mögliche Form der Referenz von Zeichen ist, so gibt es doch Annäherungen und damit Grade der Selbstreferentialität von Zeichen. Ja, es spricht sogar einiges für die Annahme, daß jedes Zeichen ein Element der Selbstreferentialität beinhaltet; ist doch schon die bloße Einsicht in die Zeichenhaftigkeit eines Zeichens, die Erkentnis »Dies ist ein Zeichen« ein selbstbezügliches Zeichen. Allerdings geht es bei der Selbstreferentialität der Zeichen eben immer nur um den Verweis auf einen Aspekt oder einen Teil dieses Zeichens.

3.1 Selbstreferenz als Aspekt bei verschiedenen Formen des Sprachgebrauchs

Verschiedene Grade der Selbstreferentialität beim Sprachgebrauch werden deutlich, wenn wir z.B. von den unterschiedlichen Formen des Sprachgebrauchs ausgehen, die Roman Jakobson in seiner Theorie von den sechs Sprachfunktionen differenziert. Genuin fremdreferentiell ist danach die sogenannte referentielle Funktion der Sprache, die Bühler als Darstellungsfunktion definierte, denn hier geht ja per Definition um den Bezug der Sprache auf die Welt. Auch die Appellfunktion der Sprache (Jakobsons konative Funktion) scheint rein fremdreferentiell zu sein, ist sie doch vom Selbst des Adressaten auf das Andere des Addressaten gerichtet.

Genauer betrachtet, gibt es aber auch bei der Appellfunktion der Sprache ein Element der Selbstreferentialität, denn jeder Appell setzt Dialogizität voraus, und jeder Dialog hat einen Aspekt der Reziprozität, also eine wechselseitige Bezüglichkeit, die ihrerseits ein Element der Selbstbezüglichkeit mit einschließt. Lacan (1966: I, 180-81; dt. II, 141, 143) hat diesen Aspekt der Selbstbezüglichkeit des Dialogischen auf die der Spaltung des Subjektes in ein Selbst und ein vom Selbst imaginiertes Bild vom Ich als einem anderen zurückgeführt. Das derart gespaltene Subjekt erfährt Kommunikation auf höchst subjektive, gar selbstbezügliche Weise, nämlich als einen Prozeß, bei dem »der Sender seine eigene Botschaft in umgekehrter Form vom Empfänger wieder empfängt. [...] Denn die Funktion der Sprache besteht nicht darin, zu informieren, sondern zu evozieren. Was ich in der Rede (parole) suche, ist die Antwort des anderen. Was mich als ein Subjekt konstituiert, ist meine Frage.«

Die anderen vier der sechs Sprachfunktionen Jakobsons weisen einen viel deutlicheren Aspekt der Selbstreferentialität auf. Metasprache ist per Definition selbstreferentiell, denn es handelt sich um Sprache über Sprache. Ebenso ist die poetische Funktion der Sprache höchst selbstbezüglich, weil sie nach Jakobson die Aufmerksamkeit auf die Zeichen selbst statt auf deren Referenz lenkt. Die phatische Funktion der Kommunikation ist insofern selbstreferentiell, als sie allein auf die Aufrechterhaltung der Kommunikation abzielt. Schließlich gibt es auch in der Ausdrucksfunktion der Sprache selbstreferentielle Elemente, denn wenn diese Funktion dominiert, bezieht sich die Nachricht in erster Linie auf die Kommunikationssituation selbst (nämlich auf den Sender), wobei auch hier die Darstellungsfunktion, die Referenz auf die Welt, in den Hintergrund tritt.

3.2 Teilweise Selbstreferenz durch den Verweis eines Teilzeichens auf das ganze Zeichen

In seiner Studie über die Logik selbstreferentieller Sätze gelangt Scheutz (1995: 64) zu einem Ergebnis, welches im Einklang mit der These von der stets bloß annäherenden Selbstreferenz der Zeichen steht. Seine Feststellung lautet: »Sätze können also bestenfalls ‚über sich selbst« sprechen, aber sie können nicht ihre eigene Denotation sein und schon gar nicht auf sich selbst referieren.« Statt sich selbst zu bezeichnen, können Sätze allenfalls ein »Selbsturteil« beinhalten, und ein solches Selbsturteil geschieht »durch Ausdrücke, welche im Satz vorkommen und eben diesen Satz designieren«. Scheutz gelangt ferner zu einer semiotischen Klassifizierung der selbsturteilenden Sätze, wonach diese (a) syntaktisch, (b) semantisch oder (c) pragmatisch sein können, z.B. (a) Dieser Satz besteht aus sechs Wörtern, (b) Dieser Stz ist fehlehaft und (c) Dieser Satz wird gerade gelesen.

Selbstreferentielle Sätze sind also nie in jeder Hinsicht selbstreferentiell, denn sie bestehen auch aus fremdreferentiellen Konstituenten. Jedes ihrer Einzelzeichen (Teilausdrücke) ist für sich genommen nämlich ein fremdreferentielles Zeichen. Das Wort Satz ist z.B. kein selbstreferentielles Zeichen, allein schon deshalb nicht, weil es kein Satz ist. Auslöser und Träger der Selbstreferenz bei selbsturteilenden Sätzen jeweils ein indexikalisches Wort, in den angeführten Beispielen, das Wort dieser. Ersetzt man es durch ein, so verlieren diese Sätze ihre Selbstreferetialität, denn nunmehr handelt es sich um eine allgemeine Aussage, und diese kann sich nicht unmittelbar auf sich selbst beziehen. Allein können allerdings auch die indexikalischen Wörter niemals selbstreferentiell sein, obwohl Scheutz (1995: 27, 64) das Gegenteil zu beweisen sucht. Weder ein indexikalisches Wort wie dieser noch die sogenannten autodeiktischen (und somit scheibar grundsätzlich selbstreferentiellen) Wörter hier, jetzt und ich sind genuin selbstreferentiell, denn sie beziehen sich ja nicht auf das Zeichen selbst (das Wort), sondern nur auf den Ort, den Zeitpunkt oder die Person der Äußerung dieses Wortes (Harweg 1990).

Die Teil-Ganzes-Beziehung in der Selbstreferenz hat verschiedene Formen. Neben der Selbstreferenz von Wörtern als Verweis auf den Satz, in dem sie enthalten sind, gibt es vielfältige Formen der textuellen Selbstreferenz. Hierzu zählen die Kommentare zum Text, wie sie etwa für die Metafiktion und den Metaroman charakteristisch sind (Jay 1984), und die endophorischen Verweise von einer Passage des Textes auf die andere. Sie können entweder indexikalisch (Verweise durch deiktische Ausdrücke des Typs siehe oben) oder auch ikonisch sein (z.B. als Wiederholung eines Motivs). Ferner gibt es den selbstreferentiellen Verweis des Textes auf seinen Autor z.B. in einer Autobiographie oder gar den selbstreferentiellen Bezug zwischen den zwei Ichs eines Autors im Falle des Selbstgesprächs.

3.3 Das selbstreferentielle als ein indexikalisch dicentisches Zeichen

Fassen wir zusammen: Wörter allein (nach Peirce rhematische Zeichen) können nicht selbstreferentiell sein. Nur bei Sätzen (dicentischen Zeichen) besteht die Möglichkeit einer Selbstbezüglichkeit, die sich jedoch nur auf einen Teil des Zeichens bezieht. Träger dieser Selbstbezüglichkeit ist jeweils ein indexikalischer Ausdruck. Semiotisch verallgemeinert besagt diese Feststellung: Ein selbstreferentielles Zeichen gehört zur Kategorie der dicentisch indexikalischen Zeichen.

Nicht nur sprachliche Ausdrücke, sondern auch Gesten, Verkehrsschilder oder Bilder können auf diese Weise teilweise selbstreferentiell sein. Die auf den Sprecher verweisende Zeigegeste ist ein Index, dessen Inhalt nicht nur ein Wort (Ich) sondern eine ganze Aussage (ein Dicent) Ich bin’s ist. Das ortsanzeigende Schild Kassel am Ortseingang ist ein Index, welches die dicentische Information Diese Stadt heißt Kassel verkündet. Ein Selbstbildnis verweist indexikalisch auf seinen Maler und ist in dieser Hinsicht selbstbezüglich. Der Metafilm allgemein ist als Film über den Film auch ein Film über sich selbst. Ein Metafilm, der seine eigenen Bedingungen der Produktion und Rezeption thematisiert ist in noch größerem Maße selbstreferentiell (Stam 1985; Withalm 1995).

4. Selbstreferenz in der Postmoderne und in den Medien

Selbstreferenz gilt als eines der beherrschenden Themen der postmodernen Kultur und ihrer Theoretiker (Lawson 1985; Bartlett & Suber, Hrsg. 1987; Bartlett, Hrsg. 1992). Nicht nur die Romane und die Filme werden immer mehr zu Metaromanen und Metafilmen, auch die Malerei und die Architektur sind seit geraumer Zeit zur Metamalerei und zur Metaarchitektur geworden (Lipman & Marshall 1978; Wittig 1979). Die Presse wird mehr und mehr selbstbezüglich, denn sie berichtet nur noch über das, was anderswo schon in der Presse steht (Marcus 1997), und die Themen oder Darbietungsformen der Pop-Kultur, vom Rock über die Videos bis zu den Comics, haben die Pop-Kultur zum Metapop werden lassen (Dunne 1992).

Bei der Interpretationen des Phänomens der zunehmenden Selbstbezüglichkeit in der postmodernen Kultur stehen sich die Apokalyptiker und die Integrierten gegenüber. Die einen betrachten das zunehmende Interesse an diesem Thema als Zeichen eines geschärften kritischen Bewußtseins in einer Welt ohne letzte Gewißheiten (Lawson 1985). Die anderen (etwa Virillo oder Baudrillard) beklagen den Verlust der Referenz in einer heute nur noch selbstreferentiellen Welt, in der aus der Realität eine bloß konstruierte, simulierte oder gar virtuelle Realität geworden ist. Doch während es den Integrierten an kritischer Distanz zu den Aporien der postmodernen Selbstreferentialität mangeln mag, laufen die Apokalyptiker der Postmoderne Gefahr, sich in selbstreferentielle Paradoxien zu verstricken, solange sie nicht in der Lage sind, zu klären, welches die Referenzen sind, deren Verlust es zu beklagen gilt.

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