Winfried Nöth

Selbstreferenz in systemtheoretischer und in semiotischer Sicht

   
             
 
   Home    
   

1. Selbstreferenz in systemtheoretischer Sicht

Selbstreferenz, Selbstbezüglichkeit oder auch Reflexivität sind Schlüsselbegriffe der Systemtheorie und der konstruktivistischen Kognitions-, Kommunikations- und Medientheorie. Nach Luhmann (z.B. 1995: 15, 28) steht Selbstreferenz im Gegensatz zur Fremdreferenz. Selbstreferentielles Beobachten ist ein Beobachten, welches sich auf das beobachtende System bzw. auf den Prozeß des Beobachtens selbst bezieht, während sich fremdreferentielles Beobachten auf Phänomene in der Umwelt des Systems, also auf Tatsachen in der Realität, bezieht.

1.1 Selbstreferenz als Autopoiese

Allgemein ist aus der Sicht der Systemtheorie ein selbstreferentielles System dadurch gekennzeichnet, daß es ausschließlich auf sich selbst bezogen ist, um auf diese Weise seine Autonomie gegenüber einer Umwelt zu gewährleisten, von der es sich notwendigerweise zur Sicherung der eigenen Identität »abgekoppelt« hat (vgl. Schmidt 1987: 25, 55; 1994: 24). Selbstreferenz in diesem Sinn ist ein Synonym von Autopoiese im Sinne von Maturana und Varela (1972; Luhmann 1984: 60). Die Opposition zwischen Selbst- und Fremdreferenz hat auf dieser Ebene der Systemanalyse noch keine Gültigkeit. Lebende Systeme (Organismen) sind aus der Sicht der Systemtheorie grundsätzlich selbstreferentielle Systeme. Nur Maschinen gehören zu den komplexen Systemen, die durch Fremdreferenz bestimmt sind, denn sie müssen von außen, nämlich vom Menschen gesteuert werden (Nöth 2000b). Für spezifische Forschungsfelder finden sich im Konstruktivismus verschiedene besondere Bestimmungen der Selbstreferenz.

1.2 Selbstreferenz der Kognition

Kognitionstheoretisch geht S.J. Schmidt (1987: 15) mit Gerhard Roth (z.B. 1987) von der grundsätzlichen Selbstreferentialität des Gehirns aus, denn dieses könne ohne direkten Zugang zur Welt nichts von außen abbilden, sondern nur etwas für sich selbst konstruieren. Auch diese Theorie von der Selbstreferentialität des Gehirns läßt sich unter den Begriff der Autopoiese subsumieren. Nach dieser Prämisse gibt es keine theoretische Alternative zur Selbstreferentialität der Kognition. Nur Maschinen, wie etwa automatische Kameras, bilden ihre Umwelt nicht selbst- sondern fremdreferentiell ab, denn sie werden letztlich doch immer von Menschen in Betrieb gesetzt. Die Operationen des menschlichen Gehirns sind dagegen aus konstruktivistischer Sicht immer selbstreferentiell. Allerdings verkennt diese Auffassung die evolutionsgeschichtliche Fremdreferentialität des menschlichen Gehirns, wonach die Veränderungen, die im Laufe der Evolution zum Wachstum des Gehirns geführt haben, nicht allein aus den Systemeigenschaften des Organismus selbst erklärt werden können (vgl. Nöth 2001).

1.3 Selbstreferenz der Kommunikation

Auch kommunikationstheoretisch ist nach Luhmann (1984: 166f.) grundsätzlich ein »selbstreferentieller Zirkel« anzunehmen, denn die Kommunikationspartner gehen stets von der gegenseitig gültigen Maxime aus, »Ich lasse mich von dir nicht bestimmen, wenn du dich nicht von mir bestimmen läßt«. Luhmann unterscheidet drei Formen der Selbstreferenz: Basale Selbstreferenz liegt in der stetigen Verstehenskontrolle durch Rückkoppelung und Bestätigungen, durch die in »Anschlußkommunikationen« gezeigt werden muß, daß das Vorausgehende verstanden wurde. Hinzu kommt die prozessurale Selbstreferenz als eigentliche Reflexivität der Kommunikation. Sie zeigt sich, wenn wir uns darüber unterhalten, was kommuniziert werden darf und was nicht, i.a.W., es handelt sich um Kommunikation über Kommunikation, also um Metakommunikation. Schließlich gibt es die Reflexio als eine systembezogene Selbstreferenz, mit der sich das System selbst, z.B. in Form von Selbstdarstellung im Unterschied zu seiner Umwelt, bezeichnet (ebd.: 198-99, 601).

Im Anschluß an H. Feilke (1994) vertritt S.J. Schmidt (1994: 145) nicht nur die These von der Selbstreferenz der Kommunikation, sondern auch diejenige von der Selbstreferenz der Zeichen überhaupt. Die Argumente von Schmidt und Feilke lauten: »Die Verwendung von Zeichen wird nicht etwa bestimmt von Repräsentations- oder Widerspiegelungsfunktionen, sondern die Anschließbarkeit an einen semiotischen Habitus dient als primäre Norm der Zeichenverwendung.« Nicht die Referenz, sondern ‚der »etablierte Gebrauch« bestimme den »sozialen Gegenwert« des sprachlichen Zeichens. Referenz sei demnach »immer zuerst Selbstreferenz, d.h. Rückbezug von Kommunikation auf Kommunikation«.

Etwas andere Auffassungen von der kommunikativen Selbstreferentialität werden unter dem Oberbegriff der Reflexivität der Kommunikation vertreten. Merten versteht darunter die metakommunikative Bezugnahme der nonverbalen auf die verbale Kommunikation, die dem Nonverbalen eine Funktion der Bewertung des Verbalen zukommen läßt. Dabei unterscheidet er zwischen einer Reflexivität in der Sachdimension, welche Aussagen über Aussagen betrifft, und eine Reflexivität in der Sozialdimension, mit welcher die Selbstbezüglichkeit des kommunikativen Handelns gemeint ist (vgl. Schmidt 1994: 59-65).

Eng verbunden mit dem Kriterium der Intentionalität ist die Reflexivität der Kommunikation nach Meggle (1991) und Castañeda (1991). Für sie ist Kommunikation reflexives Handeln, weil der Kommunikator darauf abzielt, bei den Rezipienten Zustände hervorzurufen, die sich auch auf den Kommunikator selbst beziehen, denn mit Kommunikation verfolgt der Kommunikator das Ziel, selbst verstanden zu werden. Kommunikation ist konsensorientiert, und diese Orientierung betrifft sowohl den Sender als auch den Empfänger der Nachricht. Reflexivität liegt ferner darin, daß der Kommunikator davon ausgeht, daß auch der Rezipient erkennt, daß es sich um ein kommunikatives Geschehen handelt.

1.4 Selbstreferenz in den Medien nach Luhmann

Während die konstruktivistische Theorie von der Selbstreferenz der Kognition und der Kommunikation allgemein keine Alternative zuläßt, da Kognition und Kommunikation prinzipiell und immer selbstreferentiell sei, stellt Luhmann (1995: 24-30) in seiner Medientheorie die Selbstreferenz der Fremdreferenz gegenüber.

Selbstreferenz bestimmt danach die »Funktion« der Medien. Diese besteht in der Tendenz, mediale Kommunikation als Kommunikation zu reflektieren, allein schon wegen der ökonomischen Notwendigkeit, welche die Medien zwingt, stets für die Fortsetzung der Kommunikation zu sorgen. Mithin »arbeitet das System der Massenmedien in der Annahme, daß die eigenen Kommunikationen in der nächsten Stunde oder am nächsten Tag fortgesetzt werden. Jede Sendung verspricht eine weitere Sendung. Nie geht es dabei um die Repräsentation der Welt, wie sie im Augenblick ist« (ebd.: 26).

Mediale Fremdreferenz manifestiert sich dagegen in den Themen der Medien, die ebenso wie die Selbstreferenz ein »unumgängliches Erfordernis der medialen Kommunikation« darstellen (Luhmann 1995: 28). Während die Themen fremdreferentiell sind und somit nicht von den Medien selbst produziert werden können, folgt deren weitere Verarbeitung dann auf selbstreferentielle Weise nach den Gesetzen der medialen Kommunikation. Zu diesen Gesetzen zählt auch die Sicherung der Glaubwürdigkeit der medialen Kommunikation durch die Medien selbst, die S. J. Schmidt (1994: 270; 1998: 42) im Anschluß an Klier (1989) als eine besondere Form der Reflexivität der Medien thematisiert: Die Zweifel des Publikums an der Glaubwürdigkeit der Medien sind heute medial institutionalisiert, denn nur in den Medien können diese Zweifel veröffentlicht werden. Dadurch aber werden die Medien selbst zum Garant ihrer eigenen Glaubwürdigkeit. Mithin »muß man den Medien nicht glauben, aber man kann auch nicht verneinen, daß sie verbindlich sind — wären sie es nicht, wir würden es morgen in den Medien erfahren« (Schmidt 1998: 43).

top

 
Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Literatur

Druckversion