Winfried Nöth
Selbstreferenz in systemtheoretischer und in semiotischer Sicht Abschnitt 2

   
             
 
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2. Referenz und das semiotische Paradox von der genuinen Selbstreferenz

Referenz zählt zu den Grundbegriffen in der Allgemeinen Zeichentheorie ebenso wie in der linguistischen Semantik und Pragmatik (Nöth 2000a). Vor diesem semiotischen Hintergrund stellt der Begriff der Selbstreferenz ein Paradox dar. Kein Zeichen kann eigentlich auf sich selbst verweisen, denn es ist das Wesen der Zeichen, auf etwas anderes zu verweisen. Aliquid stat pro aliquo, besagte die Zeichendefinition der Scholastiker, das Zeichen ist also ‚etwas, das für etwas anderes« stehen muß, und bei Augustinus lesen wir: »Signum est enim res, praeter speciam quam ingerit sensibus, aliud aliquid ex se faciens in cogitationem venire« (De doctr. Christ. 2.1.1) [»Das Zeichen ist also ein Ding, welches außer der Erscheinung, die es den Sinnen vermittelt aus sich heraus etwas anderes zur Erkenntnis bringt«].

2.1 Strukturalisten und Konstruktivisten gegen die naive Auffassung von der Referenz

Gegen die naive Auffassung von der Referenz der Zeichen als einem einfachen Verweis auf die Welt hat es vielerlei berechtigte semiotische Kritik gegeben. Kategorisch lehnt z.B. Luhmann (1993: 50) in seiner Theorie vom Zeichen als Form die Theorie der Referenz ab: »Für das Zeichen als Form gibt es in der Tat keine Referenz. [...] Das heißt: Die Unterscheidung Bezeichendes/Bezeichnetes kann man verwenden oder auch nicht. Es gibt nichts »Externes«, was qua Referenz dazu zwänge; und es gibt auch kein Wahrheitskriterium für die Wahl einer Ausgangsunterscheidung. Deshalb muß eine als Semiotik konstruierte Sprachtheorie auf eine externe Referenz der Sprache verzichten.«

Zum Verzicht auf die Dimension der Referenz hat allerdings lange vor Luhmann bereits die strukturalistische Semiotik aufgerufen (s. Nöth 2000a: 74-75). Nach Saussure sind Zeichen nur Zeichen qua Opposition zu anderen Zeichen und nicht in ihrem Bezug auf die Welt. Lacan hat diese These radikalisiert, als er von dem »unüberwindbaren Abgrund« sprach, welcher zwischen dem Signifikanten und dem Signifikat des Sprachzeichens liege (s. ebd.: 50).

Hier gibt es durchaus Affinitäten zwischen dem Strukturalismus und dem Konstruktivismus. Das Argument des Konstruktivisten Schmidt (1994: 97), daß Zeichen ihre Verankerung nicht im »Diskursjenseits« haben, könnte wortgleich von einem Strukturalisten stammen. Doch während die Strukturalisten die Bedeutung des Zeichens aus seinem Stellenwert im System der Zeichen zu ermitteln suchen, liegt der Bezugsrahmen für die Bestimmung des Wertes eines Zeichens für die Konstruktivisten allein in der Kommunikation, nämlich »im Rückbezug der Kommunikation auf Kommunikation, in der Verweis- und Anschließbarkeit« (Schmidt 1994: 97).

2.2 Peirce gegen die naive Auffassung von der Referenz

Auch für die Semiotik von Charles Sanders Peirce kann die Kritik an der naiven Auffassung von der Referenz der Zeichen auf die Welt nicht gelten, obwohl sein triadisches Zeichenmodell neben dem Zeichenträger (dem Repräsentamen) und dem Interpretanten (dessen Bedeutung oder Interpretation) das Objekt als eines der drei Zeichenkorrelate definiert. Mit »Objekt« meint Peirce nämlich nicht einfach ein außersemiotisch gegebenes Referenzobjekt ‚in der Welt« oder einen »Gegenstand«, der etwas ontologisch anderes als ein Zeichen sei (vgl. Nöth 2000a: 62-65). Vielmehr ist das Objekt des Zeichens etwas, das dem Zeicheninterpreten im Moment der Zeicheninterpretation bereits »wahrnehmungsmäßig« und somit letzlich semiotisch vertraut sein muß (CP 2.230, 2.232). Das Objekt kann mithin sogar ein bloßes mentales oder imaginäres Konstrukt sein, aber es ist ein Phänomen, das im Prozeß der Semiose dem wahrgenommenen Zeichen als etwas bereits Erfahrenes voraus geht. Was dem Zeichen dann folgt, ist der Interpretant, die Interpretation des Zeichens.

Der Prozeß der Semiose vollzieht sich somit in einem Zeitkontinuum, in dem das Objekt der Dimension der Vergangenheit, das wahrgenommene Zeichen der Gegenwart und der Interpretant der Dimension der Zukunft angehört. Während die Strukturalisten den »Wert« der Zeichen in ihrem Verweis auf andere Zeichen im System der Zeichen suchen und die Konstruktivisten den stetigen Verweis der Zeichen auf die Voraussetzungen der Kommunikation und auf deren »Anschlußkommunikationen« thematisieren, geht es Peirce um das Zeichen im Prozeß der Semiose, den er als ein Kontinuum von Zeichen in einer zeitlichen Abfolge begreift. Der Verweis des Zeichens auf sein Objekt, ist dabei letztlich immer ein Verweis von Zeichen auf Zeichen.

2.3 Von der Unmöglichkeit der reinen Selbstreferenz eines Zeichens

Wenn nun Zeichen immer auf andere Zeichen oder Kommunikationen auf Anschlußkommunikationen verweisen können, so kann der Verweis eines Zeichens nie wirklich ein Verweis auf sich selbst sein. In dieser Einsicht in die Unmöglichkeit einer reinen Selbstreferenz sind sich bei aller Unterschiedlichkeit der Begründung Peirce und Luhmann einig. Luhmann (1984: 604-605) betont: »Reine Selbstreferenz im Sinne eines »nur und ausschließlich auf sich selbst Beziehens« ist unmöglich. [...] Faktisch kommt Selbstreferenz nur als ein Verweismoment unter anderen vor.« Selbstreferenz ist nämlich nie eine reine, sondern immer nur eine »mitlaufende Selbstreferenz«.

Für Peirce ergibt sich die prinzipielle Unmöglichkeit vom Verweis eines Zeichens allein auf sich selbst aus mehreren Gründen. Zuerst spricht die Bestimmung des Zeichens als eine triadische Relation gegen die Möglichkeit der reinen Selbstreferenz. Danach ist das Zeichen (als ein Erstes, unmittelbar Gegebenes) von seinem Objekt (als dem Zweiten) und seinem Interpretanten (dem Dritten) unterschieden ist. Ein genuin nur auf sich selbst bezogenes und somit gänzlich in der Kategorie der Erstheit verbleibendes Zeichen wäre ein Widerspruch in sich. Wenn sich nämlich ein Erstes auf sich selbst bezieht, setzt schon dieses Beziehen eine Relation und somit notwendigerweise ein Zweites voraus. Somit konstituiert sich bereits durch den Selbstbezug ein Unterschied zwischen dem Zeichen und dem Objekt.

Da es nun zwischen Zeichen und Objekt zumindest den Unterschied gibt, daß das eine das Verweisende und das andere das Bezugsobjekt dieses Verweises ist, so kann der Rückbezug im des selbstreferentiellen Zeichen in Wirklichkeit auch nie eigentlich zum Selbst des ursprünglichen Zeichens zurückführen. Ferner ergibt sich allein aus dem Unterschied zwischen dem Zeichen und seinem Objekt ein Drittes, nämlich die Differenz, und diese führt zu der Kategorie des Interpretanten. Hier kommt das Peircesche Prinzip vom »Wachstum der Zeichen« zum Tragen, wonach sich das Zeichen im Prozeß der Semiose von einem weniger zu einem mehr entwickelten Zeichen wandelt, so daß sich auch hier zeigt, daß die Semiose nie wirklich zu dem ihm vorausgehenden Objekt zurückkehren kann. Hiermit verwandt ist schließlich auch das Prinzip der Kontinuität im Prozeß der Semiose: Wenn sich jedes Zeichen in einem zeitlichen Kontinuum zwischen einem vorausgehenden und einem folgenden Zeichen ereignet, auf welches es bezogen ist, so gibt es einerseits eine unendliche Teilbarkeit dieses Kontinuums in weitere Zeichen (CP 6.166, vgl. Schönrich 1991: 338), andererseits die Unmöglichkeit eines Zeichens, das diesem Kontinuum entgeht, indem es nicht sukzessiv, sondern simultan Zeichen und Objekt des Zeichens zugleich wäre.

2.4 Referenzlosigkeit und Selbstrepräsentation des genuinen Ikons

Gewissermaßen als Grenzwert der Zeichenhaftigkeit erörtert Peirce aber dennoch die Möglichkeit eines Zeichens ohne Referenz, nämlich das »genuine Ikon«. Als Zeichen, das allein durch die ihm selbst eigenen Qualitäten repräsentiert, ist das genuine Ikon eine Kategorie des bloßen »Soseins« [suchness] (CP 5.74). Es ist ein Zeichen »kraft einer Eigenschaft, welches es von sich aus ganz unabhängig von seinem Objekt besitzt«, Eigenschaften, »die es auch hätte, gäbe es kein Objekt in der Natur, dem es ähneln würde« (CP 5.73, 4.447). Die aus dieser Verschmelzung von Zeichen und Objekt resultierende Zeichenrelation ist eine, die zwischen Referenzlosigkeit und Selbstreferentialität liegt. Sie ist referenzlos insofern, als es sich um ein bloßes Sosein des Zeichens handelt; sie ist selbstreferentiell insofern, als das Zeichen die Eigenschaft zu repräsentieren in sich selbst beinhaltet. Ransdell (1979: 57-60) spricht von der Selbstrepräsentation des ikonischen Zeichens, die eine materielle Identität zwischen einem Zeichenträger und seinem bezeichneten Objekt bedeutet. Allerdings kann kein konkretes ikonisches Zeichen ein genuines Ikon sein, und deshalb sind ikonische Zeichen (Hypoikons) nur in dem Maße selbstreferentiell, in dem sie ikonisch sind. Hinsichtlich ihrer anderen (symbolischen oder indexikalischen) Eigenschaften sind die konkreten ikonischen Zeichen fremdreferentiell (vgl. Ransdell 1979: 55).

Ist es überhaupt angemessen, bei einem solchen Phänomen der unmittelbaren Wahrnehmung und des bloßen Soseins noch von einem Zeichen zu sprechen? Auf jeden Fall steht die Peircesche Auffassung von der Zeichenhaftigkeit des so-seienden reinen Ikons im Gegensatz zu verschiedenen anderen Zeichentheorien, z.B. der Phänomenologie Husserls, wo das unmittelbar Wahrgenommene ausdrücklich als das noch nicht Zeichenhafte definiert ist. Ransdell zeigt jedoch, daß die Theorie von der Semiotizität des unmittelbar Wahrgenommenen in der Peirceschen Semiotik wohlbegründet ist, denn danach gibt es eigentlich keine unmittelbare Wahrnehmung, weil alle Wahrnehmung eine mittelbare und somit repräsentierende ist (ebd.: 59). Indem Peirce der phänomenologischen Auffassung von der Nichtzeichenhaftigkeit des unmittelbar Wahrgenommenen seine These von der Vermitteltheit aller Wahrnehmung gegenüberstellt, gelingt es ihm, einem Dilemma derer zu entgehen, die von der Unmittelbarkeit der Perzeption überzeugt sind. Die Doktrin von der perzeptuellen Unmittelbarkeit ist nämlich »mit der Schwierigkeit konfrontiert, zu erklären, wie eigentlich Irrtum möglich ist, wenn unsere Wahrnehmung des Objektes nicht durch etwas vermittelt wird, was Fehlrepräsentationen zuläßt« (ebd.: 61). Die traditionelle Dichotomie von der Repräsentation und der unmittelbaren Perzeption hat Peirce deshalb in seiner Theorie des Ikons zu einer semiotischen Synthese geführt, die besagt, »daß alle Kognition insofern perzeptuell ist, als sie stets (logisch, nicht psychologisch) eine ikonische Präsentation des wahrgenommenen Objektes beinhaltet« (ebd.).

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Literatur

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