Winfried Nöth
Selbstreferenz in systemtheoretischer und in semiotischer Sicht Abschnitt 3

   
             
 
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3. Selbstreferenz als bloß annähernder Verweis eines Zeichens auf sich selbst

Auch wenn reine Selbstreferenz eine semiotische Paradoxie darstellt und somit keine mögliche Form der Referenz von Zeichen ist, so gibt es doch Annäherungen und damit Grade der Selbstreferentialität von Zeichen. Ja, es spricht sogar einiges für die Annahme, daß jedes Zeichen ein Element der Selbstreferentialität beinhaltet; ist doch schon die bloße Einsicht in die Zeichenhaftigkeit eines Zeichens, die Erkentnis »Dies ist ein Zeichen« ein selbstbezügliches Zeichen. Allerdings geht es bei der Selbstreferentialität der Zeichen eben immer nur um den Verweis auf einen Aspekt oder einen Teil dieses Zeichens.

3.1 Selbstreferenz als Aspekt bei verschiedenen Formen des Sprachgebrauchs

Verschiedene Grade der Selbstreferentialität beim Sprachgebrauch werden deutlich, wenn wir z.B. von den unterschiedlichen Formen des Sprachgebrauchs ausgehen, die Roman Jakobson in seiner Theorie von den sechs Sprachfunktionen differenziert. Genuin fremdreferentiell ist danach die sogenannte referentielle Funktion der Sprache, die Bühler als Darstellungsfunktion definierte, denn hier geht ja per Definition um den Bezug der Sprache auf die Welt. Auch die Appellfunktion der Sprache (Jakobsons konative Funktion) scheint rein fremdreferentiell zu sein, ist sie doch vom Selbst des Adressaten auf das Andere des Addressaten gerichtet.

Genauer betrachtet, gibt es aber auch bei der Appellfunktion der Sprache ein Element der Selbstreferentialität, denn jeder Appell setzt Dialogizität voraus, und jeder Dialog hat einen Aspekt der Reziprozität, also eine wechselseitige Bezüglichkeit, die ihrerseits ein Element der Selbstbezüglichkeit mit einschließt. Lacan (1966: I, 180-81; dt. II, 141, 143) hat diesen Aspekt der Selbstbezüglichkeit des Dialogischen auf die der Spaltung des Subjektes in ein Selbst und ein vom Selbst imaginiertes Bild vom Ich als einem anderen zurückgeführt. Das derart gespaltene Subjekt erfährt Kommunikation auf höchst subjektive, gar selbstbezügliche Weise, nämlich als einen Prozeß, bei dem »der Sender seine eigene Botschaft in umgekehrter Form vom Empfänger wieder empfängt. [...] Denn die Funktion der Sprache besteht nicht darin, zu informieren, sondern zu evozieren. Was ich in der Rede (parole) suche, ist die Antwort des anderen. Was mich als ein Subjekt konstituiert, ist meine Frage.«

Die anderen vier der sechs Sprachfunktionen Jakobsons weisen einen viel deutlicheren Aspekt der Selbstreferentialität auf. Metasprache ist per Definition selbstreferentiell, denn es handelt sich um Sprache über Sprache. Ebenso ist die poetische Funktion der Sprache höchst selbstbezüglich, weil sie nach Jakobson die Aufmerksamkeit auf die Zeichen selbst statt auf deren Referenz lenkt. Die phatische Funktion der Kommunikation ist insofern selbstreferentiell, als sie allein auf die Aufrechterhaltung der Kommunikation abzielt. Schließlich gibt es auch in der Ausdrucksfunktion der Sprache selbstreferentielle Elemente, denn wenn diese Funktion dominiert, bezieht sich die Nachricht in erster Linie auf die Kommunikationssituation selbst (nämlich auf den Sender), wobei auch hier die Darstellungsfunktion, die Referenz auf die Welt, in den Hintergrund tritt.

3.2 Teilweise Selbstreferenz durch den Verweis eines Teilzeichens auf das ganze Zeichen

In seiner Studie über die Logik selbstreferentieller Sätze gelangt Scheutz (1995: 64) zu einem Ergebnis, welches im Einklang mit der These von der stets bloß annäherenden Selbstreferenz der Zeichen steht. Seine Feststellung lautet: »Sätze können also bestenfalls ‚über sich selbst« sprechen, aber sie können nicht ihre eigene Denotation sein und schon gar nicht auf sich selbst referieren.« Statt sich selbst zu bezeichnen, können Sätze allenfalls ein »Selbsturteil« beinhalten, und ein solches Selbsturteil geschieht »durch Ausdrücke, welche im Satz vorkommen und eben diesen Satz designieren«. Scheutz gelangt ferner zu einer semiotischen Klassifizierung der selbsturteilenden Sätze, wonach diese (a) syntaktisch, (b) semantisch oder (c) pragmatisch sein können, z.B. (a) Dieser Satz besteht aus sechs Wörtern, (b) Dieser Stz ist fehlehaft und (c) Dieser Satz wird gerade gelesen.

Selbstreferentielle Sätze sind also nie in jeder Hinsicht selbstreferentiell, denn sie bestehen auch aus fremdreferentiellen Konstituenten. Jedes ihrer Einzelzeichen (Teilausdrücke) ist für sich genommen nämlich ein fremdreferentielles Zeichen. Das Wort Satz ist z.B. kein selbstreferentielles Zeichen, allein schon deshalb nicht, weil es kein Satz ist. Auslöser und Träger der Selbstreferenz bei selbsturteilenden Sätzen jeweils ein indexikalisches Wort, in den angeführten Beispielen, das Wort dieser. Ersetzt man es durch ein, so verlieren diese Sätze ihre Selbstreferetialität, denn nunmehr handelt es sich um eine allgemeine Aussage, und diese kann sich nicht unmittelbar auf sich selbst beziehen. Allein können allerdings auch die indexikalischen Wörter niemals selbstreferentiell sein, obwohl Scheutz (1995: 27, 64) das Gegenteil zu beweisen sucht. Weder ein indexikalisches Wort wie dieser noch die sogenannten autodeiktischen (und somit scheibar grundsätzlich selbstreferentiellen) Wörter hier, jetzt und ich sind genuin selbstreferentiell, denn sie beziehen sich ja nicht auf das Zeichen selbst (das Wort), sondern nur auf den Ort, den Zeitpunkt oder die Person der Äußerung dieses Wortes (Harweg 1990).

Die Teil-Ganzes-Beziehung in der Selbstreferenz hat verschiedene Formen. Neben der Selbstreferenz von Wörtern als Verweis auf den Satz, in dem sie enthalten sind, gibt es vielfältige Formen der textuellen Selbstreferenz. Hierzu zählen die Kommentare zum Text, wie sie etwa für die Metafiktion und den Metaroman charakteristisch sind (Jay 1984), und die endophorischen Verweise von einer Passage des Textes auf die andere. Sie können entweder indexikalisch (Verweise durch deiktische Ausdrücke des Typs siehe oben) oder auch ikonisch sein (z.B. als Wiederholung eines Motivs). Ferner gibt es den selbstreferentiellen Verweis des Textes auf seinen Autor z.B. in einer Autobiographie oder gar den selbstreferentiellen Bezug zwischen den zwei Ichs eines Autors im Falle des Selbstgesprächs.

3.3 Das selbstreferentielle als ein indexikalisch dicentisches Zeichen

Fassen wir zusammen: Wörter allein (nach Peirce rhematische Zeichen) können nicht selbstreferentiell sein. Nur bei Sätzen (dicentischen Zeichen) besteht die Möglichkeit einer Selbstbezüglichkeit, die sich jedoch nur auf einen Teil des Zeichens bezieht. Träger dieser Selbstbezüglichkeit ist jeweils ein indexikalischer Ausdruck. Semiotisch verallgemeinert besagt diese Feststellung: Ein selbstreferentielles Zeichen gehört zur Kategorie der dicentisch indexikalischen Zeichen.

Nicht nur sprachliche Ausdrücke, sondern auch Gesten, Verkehrsschilder oder Bilder können auf diese Weise teilweise selbstreferentiell sein. Die auf den Sprecher verweisende Zeigegeste ist ein Index, dessen Inhalt nicht nur ein Wort (Ich) sondern eine ganze Aussage (ein Dicent) Ich bin’s ist. Das ortsanzeigende Schild Kassel am Ortseingang ist ein Index, welches die dicentische Information Diese Stadt heißt Kassel verkündet. Ein Selbstbildnis verweist indexikalisch auf seinen Maler und ist in dieser Hinsicht selbstbezüglich. Der Metafilm allgemein ist als Film über den Film auch ein Film über sich selbst. Ein Metafilm, der seine eigenen Bedingungen der Produktion und Rezeption thematisiert ist in noch größerem Maße selbstreferentiell (Stam 1985; Withalm 1995).

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