Winfried Nöth
Selbstreferenz in systemtheoretischer und in semiotischer Sicht Abschnitt 4

   
             
 
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4. Selbstreferenz in der Postmoderne und in den Medien

Selbstreferenz gilt als eines der beherrschenden Themen der postmodernen Kultur und ihrer Theoretiker (Lawson 1985; Bartlett & Suber, Hrsg. 1987; Bartlett, Hrsg. 1992). Nicht nur die Romane und die Filme werden immer mehr zu Metaromanen und Metafilmen, auch die Malerei und die Architektur sind seit geraumer Zeit zur Metamalerei und zur Metaarchitektur geworden (Lipman & Marshall 1978; Wittig 1979). Die Presse wird mehr und mehr selbstbezüglich, denn sie berichtet nur noch über das, was anderswo schon in der Presse steht (Marcus 1997), und die Themen oder Darbietungsformen der Pop-Kultur, vom Rock über die Videos bis zu den Comics, haben die Pop-Kultur zum Metapop werden lassen (Dunne 1992).

Bei der Interpretationen des Phänomens der zunehmenden Selbstbezüglichkeit in der postmodernen Kultur stehen sich die Apokalyptiker und die Integrierten gegenüber. Die einen betrachten das zunehmende Interesse an diesem Thema als Zeichen eines geschärften kritischen Bewußtseins in einer Welt ohne letzte Gewißheiten (Lawson 1985). Die anderen (etwa Virillo oder Baudrillard) beklagen den Verlust der Referenz in einer heute nur noch selbstreferentiellen Welt, in der aus der Realität eine bloß konstruierte, simulierte oder gar virtuelle Realität geworden ist. Doch während es den Integrierten an kritischer Distanz zu den Aporien der postmodernen Selbstreferentialität mangeln mag, laufen die Apokalyptiker der Postmoderne Gefahr, sich in selbstreferentielle Paradoxien zu verstricken, solange sie nicht in der Lage sind, zu klären, welches die Referenzen sind, deren Verlust es zu beklagen gilt.

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Literatur

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