Helmut Schanze

Anpassungen. Biologie - Kognition - Neue Rhetorik bei Maturana und Perelman

Im »Historischen Wörterbuch der Rhetorik« hat Bernhard Asmuth nicht nur den Forschungsstand zum rhetorischen Begriff des »prepon«, des »aptum« bzw. der »convenientia« aufgeschrieben, sondern auch dessen lange Geschichte über die Jahrtausende. Das Thema wird im Wörterbuch unter dem Eintrag »Angemessenheit« verhandelt. Diese deutsche Übertragung des rhetorischen Terminus ist jedoch nur eine der traditionell eingeführten. Sie ist, so Asmuth, herzuleiten aus dem Handwerksbegriff, der die optische und mechanische Passung der Teile meint. Andere, mit sozialer Dimension, sind »Anstand« und »Anständigkeit«, auch »Ziemlichkeit« und »Schicklichkeit«. »Schon in der Antike wurde sie nicht nur auf sprachliche Äußerungen bezogen, sondern auch als allgemeine Qualität sozialen Verhaltens verstanden.« Aus ihm ergibt sich die Lehre von den drei Stilarten, die sich im 17. Jahrhundert zur sog. »Ständeklausel« verfestigt hat. Eine dritte Dimension des Begriffs ist die biologische: »Sie lässt sich als Variante des biologische Prinzips der Anpassung begreifen, d. h. der Fähigkeit von Lebewesen, sich zum Zweck des Überlebens wechselnden Anforderungen der Umwelt anzugleichen.« »Angemessenheit« und ihre Varianten gelten als »Superprinzip« des Kommunizierens, als Kernbegriff aller Klassizität.

Im 18. Jahrhundert noch, so ist der historischen Übersicht der Begriffsgeschichte zu entnehmen, hat der Begriff Konjunktur. Wenn man von einem Voraussetzungssystem für die Literaturproduktion des 18. Jahrhunderts spricht, so ist hier ein Zentralbegriff genannt. Bei Goethe sind es die »edlen« Frauen, die das Ziemliche verbürgen: Die Instanz des Urteils über »Angemessenheit« wird in unübertroffener Subtilität in Goethes »Tasso« formuliert.

Die Romantiker verfahren mit dem »Aptum« in ihrer Weise: Sie nutzen den Begriff für die eigenen Zwecke. Das neue, romantische Stilideal ist material ungefüllt. Schwäche und Stärke der romantischen Position ist ihre »Progressivität«, die den Frager nach dem geeigneten Inhalt des Romans in einen unendliche Rekurs treibt. Indem »Poesie« das Zeichen ist für einen »Imperativ der Synthetik«, ist »Alles« geeignet für die Form des Romans. Kein Gegenstand kann mehr von der Poesie ausgeschlossen werden. Friedrich von Hardenberg bereits kritisiert die Zirkularität der Definition einer »Progressiven Universalpoesie« bei Friedrich Schlegel, bei der es, so das berühmte Athenäumsfragment 116, keine richtende Instanz über Angemessenheit mehr geben kann. Der Tendenz nach ist gerade das Unangepasste, das Abenteuerliche, das »Polizeywridige« das, was für die Darstellung im Roman, als Zeichen der Freiheit, als geeignet erscheint.

Im Kampf zwischen Rhetorik und ästhetischer Philosophie, so scheint es, löst sich die Kategorie des »Aptum« auf. Die Zentralkategorie des 18. Jahrhunderts wird zur Lachnummer des 19. Wenn es überhaupt noch etwas zu lachen gibt, so beim Zusammenbruch der Ständeklausel: Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt. Friedrich Nietzsche hat den Konkurs des bürgerlichen Kostümwesens und die Unangemessenheiten des herrschenden Kunstgeschmacks mit schneidender Schärfe beschrieben.

Scheinbar, so auch Asmuth, haben das 19. und das 20. Jahrhundert zu diesem Holzweg in der Geschichte der Rhetorik nicht mehr viel beizutragen. Selbst die von Nietzsche eröffneten Klassizismen der Moderne gewinnen noch den Charakter von rückwärtsgewandten Prophetien. Das anständige Leben liegt in der Vergangenheit, oder in der Zukunft, in der die Klassengegensätze aufgehoben werden. Die universelle Historisierung der ästhetischen Begriffe durch Th. W. Adorno, die nicht zuletzt im Erweis ihrer rhetorischen Fundierung besteht, besiegelt deren Ende. In feiner Doppelrede hat die Theorie der Postmoderne zum einen die rhetorische Theorie auf eine Theorie der Sprachfiguren reduziert, zum anderen das Ende der klassischen Rhetorik ratifiziert. Wer nach dem Konventionellen sucht, diffamiert sich ästhetisch selber. »The Ends of Rhetoric«, so der Titel des vielbeachteten Essaybandes von John Bender und David E. Wellberry, beschließen auch das Ende des »Aptum«. Versteckt kommt der Begriffs allenfalls in Beiträgen zur Kolonialrhetorik vor.

Die Geschichte des »Aptum« könnte geschlossen werden, gäbe es nicht den Hinweis auf das »biologische Prinzip« neben dem »sprachlichen« und dem »sozialen«. Er lässt sich explizieren: In Humberto Maturanas »Biologie der Realität«, insbesondere in den Überlegungen zur Frage des Verhältnisses von Kognition und Biologie ist die »Anpassung« als »biologisches«, »soziales« und »sprachliches« Prinzip erkannt. Einschlägig ist das Kapitel »Realität. Die Suche nach Objektivität oder der Kampf um ein zwingendes Argument«. Die Frage nach der »Anpassung«, so die These dort, ist der Schnittpunkt zwischen einer Biologie und Kognition.

Auch fehlt bei Asmuth ein Hinweis auf die sogenannte »Neue Rhetorik«. »Anpassung« ist dort der Schnittpunkt zwischen Sozialität und Argumentation. Ihr wichtigster Vertreter, der Rechtstheoretiker Chaim Perelman, re-formuliert in seinen Werken den gesamten Theoriebestand der vergessenen Disziplin und will sich nicht mit einer auf Figuren restringierten Rhetorik begnügen. Sein Konzept des »Reichs der Rhetorik« ist umfassender, auch wenn der Kern seiner Theorie als »Argumentationstheorie« bescheidener formuliert ist. Auch ihm geht es um den »Kampf um ein zwingendes Argument« - und um »Anpassung«.

Die These der folgenden Hinweise zum Thema ist: In der Theorie der Realität bei Maturana und in den Argumentationstheorie Perelmans, die sich in bestechender Weise ergänzen und gegenseitig stärken, spielt der Begriff des »Aptum« als »Anpassung« (wieder) die Rolle, die er in der Tradition der Rhetorik von Anbeginn hatte. Mehr noch, hier wird sie neu und umfassend begründet: zum einen in der Biologie des Menschen, zum anderen als Postulat seiner Zukunftsfähigkeit. In beiden Fällen ist ein naiver Rückfall in einen »Klassenstandpunkt« ebenso vermieden wie in eine ebenso naive Annahme einer »objektiven Realität«. Vertieft wird vielmehr der Gedanke Nietzsches an eine ästhetische Rechtfertigung der »Welt«.

Beide Texte, der Maturanas und jener Perelmans, können als komplementär und koexistent gelesen werden. Perelmans Text ist der ältere, theoriegeschichtlich eher an die Diskussionen der 20er Jahre anschließende, aber keineswegs der unaktuellere; Maturanas Text dagegen der jüngere, aber grundsätzlichere. In der Folge soll der »systematische« Weg gegangen werden. Zunächst sei deshalb auf Maturanas »Kampf um ein zwingendes Argument« eingegangen, auf dessen biologische Theorie der »Anpassung«, sodann um deren Verortung und Ausführung in Perelmans Argumentationstheorie. Dabei wird Maturana nicht unterstellt, dass er eine Exegese eines rhetorischen Begriffs vornehme. Er argumentiert vielmehr aus dem eigenen Recht seines naturwissenschaftlichen Ansatzes und seiner Kognitionstheorie. Dass seine Theorie anschlussfähig ist für die gegenwärtigen rhetorische Kommunikationstheorie, wird nicht nur hier belegt.

1. Was ist Realität? Maturanas Frage nach dem »zwingenden Argument«.

Maturanas Thesen von den zwei Existenzbereichen, und von einer »Realität« die »abhängig von unserer Erfahrung« sei, seine Begriffe der »Kongruenz« (S. 15), der Differenz von »Organisation« und »Struktur« und schließlich der »Rolle der Emotionen« (S. 20) bei der Kognition seien als bekannt vorausgesetzt. In seinen Überlegungen zum »zwingenden Argument« werden sie in den Ausgangsüberlegungen pointiert zusammengefasst, und zwar in Form einer Gegenüberstellung einer »Realität« im alten Sinne und einer »Realität in Klammern«. Der Erklärungsweg der »Objektivität in Klammern« akzeptiere explizit, dass der Mensch ein »lebendes System« sei, dass seine Fähigkeiten als Beobachter gelernt werden und mit ihm verschwinden, und dass er mit allen lebenden Systemen die Unfähigkeit teile, das zu unterscheiden, was wir im Alltag »Wahrnehmung« und »Illusion« nennen. Der Beobachter erlebe sich als Quelle aller Realitäten, denn er selbst bringe diese durch seine Unterscheidungsoperationen in seiner Lebenspraxis selbst hervor. Er könne so viele verschiedene, aber gleichermaßen legitime Realitätsbereiche hervorbringen, wie es verschiedene Unterscheidungsoperationen gibt, die er in seiner Lebenspraxis anwenden könne.

Dabei jedoch herrscht keineswegs Beliebigkeit: »Er kann den einen oder den anderen dieser verschiedenen Realitätsbereiche als Erklärungsbereich benutzen, und zwar gemäß dem jeweiligen Kriterium der Akzeptabilität für adäquate Neuformulierungen seiner Lebenspraxis, welches er in seinem Verstehensprozess anwendet.« (S. 216). Dies zwinge dazu, falls andere Beobachter von anderen Realitätsbereichen aus operieren, diese als legitim anzuerkennen. Dieses »Multiversum« stelle eine Einladung dar, in »verantwortungsvoller Weise über menschliche Koexistenz« nachzudenken.

Dieses Nachdenken über »Koexistenz« habe die »Emotionsdynamik« zu berücksichtigen. Im Gegensatz zur einfachen Realitätsthese, die auf die Dichotomie von »Wahr« und »Falsch« hinauslaufe, unabhängig von dem jeweils verwendeten Akzeptabilitätskriterium, gebe es nach der These von der »Realität in Klammern« keine prinzipiell falsche Aussage.

Folgt man dieser biologisch begründeten Annahme, so gebe es - auch für den Naturwissenschaftler - einen »konsensuellen Bereich«. Auch für ihn gelte, dass niemand mit Hilfe einer »Rationalität« gezwungen werden könne, ein Argument als rational gültig anzunehmen, welches er nicht bereits als implizit gültig akzeptiert hat, weil er die konstitutiven Prämissen jenes Realitätsbereiches teile, in dem es operationale Kohärenz besitze (S. 255).

Im »konsensuellen Bereich« spielt »Sprache« als Ausstattung des Menschen und damit als »biologisches Phänomen« die entscheidende Rolle. Sie ist eine »unanalysierbare Gegebenheit«, die aber in ihren Regularitäten und Gebrauchsbedingungen zu beschreiben sei. Aus der biologischen Prämisse eines strukturdeterminierten Systems, das in Interaktionen seine Organisation bewahrt, folgt, dass die »Erhaltung der Organisation« und die »Erhaltung der Anpassung« die Bedingungen seiner Existenz sind (S. 258 f.).

Mit »Sprache« ist jener Bereich rekursiver konsensueller Koordinationen von Handlungen gegeben, der beides bewirke. Damit sei nicht mehr prinzipiell zwischen Emotionaliät und Rationalität zu unterscheiden. In der »Konversation«, in der sich der Fluss der Koordinationen von Handlungen und Emotionen manifestiert, kann Konsensualität erweitert, eingeschränkt oder auch zum Verschwinden gebracht werden. Maturana bestimmt »Konversationsklassen«, die durch bestimmte »Muster« oder bestimmte »Konfigurationen« von Koordinationen von Handlungen und Emotionen definiert werden: Konversationen der »Koordinationen gegenwärtigen und zukünftigen Handelns«, des »Wünschens und Erwartens«, des »Befehlens und des Gehorchens«, der »Charakterisierung, Attribuierung und der Bewertung« und der »Beschwerde über unerfüllte Erwartungen«.

Es handelt sich hier um die klassischen Materien der Rhetorik als Sprachhandlungstheorie. Maturana führt sie nicht aus, belässt es vielmehr bei der einlässlichen biologisch-anthropologischen Begründung dessen, was er als »Netzwerk von Konversationen« beschreibt. Über »Akzeptabilität«, Konsensualität, »Erhaltung der Anpassung« nähert er sich aber jenem Bereich, der die Domäne der »Neuen Rhetorik« als Argumentationstheorie ist.

2. Chaim Perelman - die Stärke der Argumente

Nach Ende des zweiten Weltkriegs, in Bezug auf die Erfahrung der europäischen Katastrophe des zweiten Weltkriegs im 20. Jahrhundert, entwickelt der Philosoph und Rechtstheoretiker Chaim Perelman seine »formale Gerechtigkeitsregel« als Neufassung der »Goldenen Regel«: Sie fordert die »gleiche Behandlung von Wesen einer wesentlich gleichen Art bei gleichen Umständen.« (S. 1). Die positivistische Anlage der damaligen Untersuchung habe jedoch die für die Gerechtigkeitsregel in der Praxis entscheidende Differenzierung nicht zugelassen: »Doch wie ist das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen?« (S. 1). Diese Unterscheidung verlange den Rückgriff auf Werturteile, die - aus seiner damaligen Sicht - als »völlig willkürlich und logisch unbestimmt« erschienen seien.

Die Suche nach einer »Logik der Werturteile« jedoch bringt für Perelman ein für »die Wissenschaft« unerwartetes Ergebnis: Es gebe keine spezifische Logik der Werturteile, die Antwort auf die Frage nach einem zureichenden Verfahren, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, sei bereits in der Antike entwickelt worden: in der Rhetorik, der alten Kunst des Überzeugens und Überredens. »Wir entdeckten, daß in jenen Bereichen, wo es um die Frage geht, was vorzuziehen, was annehmbar und vernünftig ist, die Folgerungen weder formal schlüssige Deduktionen noch vom Einzelfall her verallgemeinernde Induktionen sind, sondern daß es sich hier um alle möglichen Arten von Argumentationen handelt, die darauf abzielen, die Übereinstimmung der Meinungen mit den ihnen unterbreiteten Thesen zu erreichen.« (S. 2). Die neuere Entwicklung der Rhetorik zu einer »Rhetorik der Figuren« habe den persuasiven Charakter der Rhetorik verdrängt. Die »eingeengte Rhetorik« (»rhétorique réstrainte«, Gerard Genette) habe sich zunächst auf die Theorie der Beredsamkeit und eine Theorie des Redeaufbaus, schließlich auf eine Rhetorik der Figuren beschränkt. Die Theorie der Argumentation dagegen, welche die Verknüpfung der Rhetorik mit der demonstrativen Logik und der Philosophie leiste, verschwinde in der Schultradition nahezu völlig. Es erscheint Perelman fragwürdig, eine Erneuerung der Rhetorik allein von einer Rhetorik der Figuren zu erhoffen. Zu erneuern sei vielmehr deren dynamische, persuasive Konzeption in einer erneuerten Theorie der Argumentation.

Nicht eine Eingrenzung, sondern eine Erweiterung des »Reichs der Rhetorik« begründet die »Neue Rhetorik«: Sie bezieht sich auf »sämtliche Arten von Zuhörerschaft«, vom Reden zu sich selbst bis hin zu einem zur ganzen Menschheit. Sie deckt als Theorie der Argumentation das Feld »sämtlicher auf Überzeugung oder Überredung gerichteten Diskurse, an welche Zuhörerschaft sie sich auch richten und welchen Gegenstand sie auch behandeln mögen.«(S. 15) Aus ihr seien, je nach dem Typ des Auditoriums und der Art der Disziplin spezialisierte Methodologien (»Logiken«) zu entwickeln.

Perelman nimmt im alten Streit zwischen Philosophie und Rhetorik eindeutig Stellung: Er kehrt die Tradition der abendländischen Metaphysik und ihrer Rhetorikverachtung schlicht um: Der Anschein ist vor die Wahrheit, die Meinung vor das Wissen zu stellen. Wer Wahrheit ohne Argumentation aufdecken zu können glaubt, kenne nur Verachtung für die Rhetorik, die sich »nur« auf Meinungen bezieht. Werde jedoch bestritten, dass sich philosophische Thesen auf eine unmittelbare Erkenntnis gründen ließen, dann bedürfe es zu ihrer Durchsetzung notwendig argumentativer Techniken. »Die Philosophie kommt ohne die neue Rhetorik nicht aus.«(S. 16). Die Geringschätzung der Rhetorik habe überdies zu einer Negierung der praktischen Vernunft geführt; die Probleme des Handelns seien entweder auf Probleme des Wissens, also solche der Wahrheit und Wahrscheinlichkeit zurückgeführt, oder aber als außerhalb der Vernunft angesehen worden.

Perelman beschränkt die Theorie der Argumentation nicht auf die praktische Sphäre; sie führe vielmehr ins Zentrum der Theoriebildung. Als Wahlhandlungen, die durch Beratung und Diskussion unterschiedlicher Lösungen vorbereitet werden, gilt auch die Wahl von Definitionen, Modellen und Analogien (S. 17). Ziel der Argumentation ist es - und hier folgt Perelman den aristotelischen Bestimmungen - nicht, Folgen aus Prämissen abzuleiten, sondern die »Übereinstimmung eines Publikums mit den Thesen, die man seiner Zustimmung unterbreitet, hervorzurufen oder zu verstärken« (S. 18). Gemäß dem pluralen Begriff des Publikums, bis hin zum universellen Auditorium, sind unterschiedliche argumentative Techniken einzusetzen: So zeuge es von Inkompetenz, nach Belieben den Bestand von Thesen und Methoden einer spezialisierten Disziplin vor einer Zuhörerschaft von Spezialisten zu bestreiten, »da dies den Bestand der wissenschaftlichen Glaubensätze« gefährde. Perelman unterscheidet zwischen »Reden an einige Wenige« und solchen, die »für alle gültig sein sollen«. Bei letzteren seien die Prämissen und Argumente verallgemeinerungsfähig, das heißt, grundsätzlich für alle Mitglieder der universalen Öffentlichkeit übernehmbar.«(S. 27).

Um durch Rede wirksam handeln zu können, bedarf es einer Einstellung auf das jeweilige Publikum, einer »Anpassung«, die als spezifische Voraussetzung der Argumentation gelten kann. Perelman zielt hier auf die allgemeinste Form des »Aptum«. »Anpassung an das Publikum heißt vor allen Dingen, die ihm vertrauten Thesen als Prämissen der Argumentation zu nehmen.«(S. 32). Zu unterscheiden sind Thesen, die auf das »Wirkliche« (Tatsachen, Wahrheiten) zielen, von solchen, die auf das »Wünschbare« (Werte, Hierarchien) abheben. Für die Argumentationstheorie kann der Status der Tatsache oder Wahrheit nicht auf Dauer gewährleistet werden, »außer unter der Voraussetzung, es gebe eine unfehlbare Autorität, eine Göttlichkeit, deren Versprechen und Offenbarungen keinen Widerspruch erlauben und durch die Tatsachen und Wahrheiten garantiert sind.« Ohne diese Garantie müssten und könnten auch die in der Expertenmeinung geltenden Wahrheiten immer wieder in Frage gestellt werden. In Bezug auf »Werte« komme es darauf an, die Einzelwerte als Facette von allgemeinen Werten darzustellen und sie damit auf die Probe der Zustimmung der universalen Öffentlichkeit zu stellen.

Durch »Argumentation« wird es möglich, das System der Erfahrung »anzupassen«, und den verwendeten Formeln eine höhere Flexibilität zu geben. »Dies brächte in der weiteren Folge das System in den Gesamtzusammenhang unserer Kenntnisse und Erwartungen zurück und erneuerte die Verbindung zwischen dem abgetrennten Bereich« (der spezialisierten Wissenschaft) »und der Gesamtheit der Hoffungen und Überzeugungen.« (S. 41).

Indem Perelman die »Argumente aus der Struktur des Wirklichen« dynamisch mit den Argumenten aus der Struktur des Wünschbaren verbindet, baut er ein Argumentationskontinuum auf, das durchgehend auf die Vielheit der Publika bezogen bleibt. Sequenzen, Koexistenzen, Symbole, Hierarchien, Ränge strukturieren die Wirklichkeit. Argumente durch Beispiel, Illustration und Modell führen in die Übergangszone zum »Wünschbaren«. Analogie und Metapher erweitern das Wissen. Die begriffliche Dissoziation (das Feld der Philosophie) könne dem Reich der Rhetorik indiziert werden, wenn die philosophische Unterscheidung von Schein und Wahrheit selber als Argument begriffen wird. Die Frage nach der Wahrheit lasse sich von der Frage nach der Zustimmung nicht trennen.

3. Der Raum der Rede

Hier können die Überlegungen Maturanas und Perelmans zusammengeführt werden. Beide sprechen von den zwei Wegen der Philosophie. Der erste geht von einem garantierten Wissen aus. Er lässt keinen Raum mehr für Gespräch und Rede. Der zweite erkennt, dass jede Evidenz von Dialektik und Rhetorik »mitbestimmt« wird. Im Falle der spezialisierten Gerechtigkeitsregel, die konstitutiv sein soll für das Entscheidungshandeln der Jurisprudenz, konnte Perelman zeigen, dass »eine Theorie des Vernunftrechts sich nur als Gegenstand eines consensus einer organisierten Gemeinschaft« auszuarbeiten ist. Die »Neue Rhetorik« versteht sich als »allgemeine Theorie des persuasiven Diskurses, der auf intellektuelle wie emotionale Zustimmung einer Öffentlichkeit abzielt.« (S. 163).

Es kann hier nicht darauf ankommen, eine Konkordanz der Begriffe zwischen Maturana und Perelman abschließend zu behaupten und tabellarisch zu belegen. Ohnehin neigt der Dialog zwischen den Wissenschaften, der nicht zuletzt auch die Aufgabe und Zielsetzung neuerer Rhetorikforschung sein sollte, zur Isolierung von Begriffen und zu Taxonomien, die mehr oder minder zwanghaft auf »Übereinstimmung« oder »Differenz« gebracht werden müssen. Maturanas Gang von der Naturwissenschaft zur Kognitionswissenschaft, Perelmans Gang von der Philosophie und ihren letzten Gewissheiten zu einer offenen, prozessual gedachten »Neuen Rhetorik« haben unterschiedliche Voraussetzungen, stehen in unterschiedlichen Traditionen, was Thesen, Methodologie und Sprache anbetrifft. Diese Unterschiede können nicht einfach ausgestrichen werden. Josef Kopperschmidt aber hat in diesem Zusammenhang eine Übersetzungsleistung eingefordert, die in den unterschiedlichen Terminologien sich abbildenden Problemzugänge vermittelt und ein möglicherweise gemeinsames Reflexionsinteresse zu erkennen gebe. Maturanas »Anpassung« entspringt dem biologischen Denken, die Perelmans seiner Konzeption eines Zugehens des Redners auf sein Publikum. Auch wenn der Bezug auf den historischen Begriff des »Aptum« implizit gegeben ist, dürfen die Konzepte, bei gleichlautendem Wort, nicht einfach identifiziert werden. Maturana wie Perelmann erweitern das »Reich der Rhetorik« über die reine Figurenlehre hinaus. Maturana nähert sich einer persuasiven Rhetorik, ausgehend von der biologisch gefassten Möglichkeit der »Selbstzerstörung« lebender Systeme und der sich hieraus ergebenden »Anpassung«, in seinem Konzept der »Konversationen«. Perelman argumentiert kritisch aus der apokalyptischen Vision einer alles zerstörenden Wahrheitsbehauptung heraus für Rede und Gespräch. Maturana klärt die biologischen Grundlagen für das »Aptum«; Perelman führt die Überlegungen Maturanas zum Konzept der notwendigen Konversationen argumentationstheoretisch aus. Einig sind sie sich darin, dass es zur »Anpassung« ohne Verlust der Identität keine rationale Alternative gibt. Beide plädieren gegen das Gewaltverhältnis, das sich aus einer Instanz »unmittelbarer« Wahrheit ergebe, und für die »Anpassung« in Rede und Gespräch.