Helmut Schanze
Anpassungen. Biologie - Kognition - Neue Rhetorik bei Maturana und Perelman
Abschnitt 2

   
             
 
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1. Was ist Realität? Maturanas Frage nach dem »zwingenden Argument«.

Maturanas Thesen von den zwei Existenzbereichen, und von einer »Realität« die »abhängig von unserer Erfahrung« sei, seine Begriffe der »Kongruenz« (S. 15), der Differenz von »Organisation« und »Struktur« und schließlich der »Rolle der Emotionen« (S. 20) bei der Kognition seien als bekannt vorausgesetzt. In seinen Überlegungen zum »zwingenden Argument« werden sie in den Ausgangsüberlegungen pointiert zusammengefasst, und zwar in Form einer Gegenüberstellung einer »Realität« im alten Sinne und einer »Realität in Klammern«. Der Erklärungsweg der »Objektivität in Klammern« akzeptiere explizit, dass der Mensch ein »lebendes System« sei, dass seine Fähigkeiten als Beobachter gelernt werden und mit ihm verschwinden, und dass er mit allen lebenden Systemen die Unfähigkeit teile, das zu unterscheiden, was wir im Alltag »Wahrnehmung« und »Illusion« nennen. Der Beobachter erlebe sich als Quelle aller Realitäten, denn er selbst bringe diese durch seine Unterscheidungsoperationen in seiner Lebenspraxis selbst hervor. Er könne so viele verschiedene, aber gleichermaßen legitime Realitätsbereiche hervorbringen, wie es verschiedene Unterscheidungsoperationen gibt, die er in seiner Lebenspraxis anwenden könne.

Dabei jedoch herrscht keineswegs Beliebigkeit: »Er kann den einen oder den anderen dieser verschiedenen Realitätsbereiche als Erklärungsbereich benutzen, und zwar gemäß dem jeweiligen Kriterium der Akzeptabilität für adäquate Neuformulierungen seiner Lebenspraxis, welches er in seinem Verstehensprozess anwendet.« (S. 216). Dies zwinge dazu, falls andere Beobachter von anderen Realitätsbereichen aus operieren, diese als legitim anzuerkennen. Dieses »Multiversum« stelle eine Einladung dar, in »verantwortungsvoller Weise über menschliche Koexistenz« nachzudenken.

Dieses Nachdenken über »Koexistenz« habe die »Emotionsdynamik« zu berücksichtigen. Im Gegensatz zur einfachen Realitätsthese, die auf die Dichotomie von »Wahr« und »Falsch« hinauslaufe, unabhängig von dem jeweils verwendeten Akzeptabilitätskriterium, gebe es nach der These von der »Realität in Klammern« keine prinzipiell falsche Aussage.

Folgt man dieser biologisch begründeten Annahme, so gebe es - auch für den Naturwissenschaftler - einen »konsensuellen Bereich«. Auch für ihn gelte, dass niemand mit Hilfe einer »Rationalität« gezwungen werden könne, ein Argument als rational gültig anzunehmen, welches er nicht bereits als implizit gültig akzeptiert hat, weil er die konstitutiven Prämissen jenes Realitätsbereiches teile, in dem es operationale Kohärenz besitze (S. 255).

Im »konsensuellen Bereich« spielt »Sprache« als Ausstattung des Menschen und damit als »biologisches Phänomen« die entscheidende Rolle. Sie ist eine »unanalysierbare Gegebenheit«, die aber in ihren Regularitäten und Gebrauchsbedingungen zu beschreiben sei. Aus der biologischen Prämisse eines strukturdeterminierten Systems, das in Interaktionen seine Organisation bewahrt, folgt, dass die »Erhaltung der Organisation« und die »Erhaltung der Anpassung« die Bedingungen seiner Existenz sind (S. 258 f.).

Mit »Sprache« ist jener Bereich rekursiver konsensueller Koordinationen von Handlungen gegeben, der beides bewirke. Damit sei nicht mehr prinzipiell zwischen Emotionaliät und Rationalität zu unterscheiden. In der »Konversation«, in der sich der Fluss der Koordinationen von Handlungen und Emotionen manifestiert, kann Konsensualität erweitert, eingeschränkt oder auch zum Verschwinden gebracht werden. Maturana bestimmt »Konversationsklassen«, die durch bestimmte »Muster« oder bestimmte »Konfigurationen« von Koordinationen von Handlungen und Emotionen definiert werden: Konversationen der »Koordinationen gegenwärtigen und zukünftigen Handelns«, des »Wünschens und Erwartens«, des »Befehlens und des Gehorchens«, der »Charakterisierung, Attribuierung und der Bewertung« und der »Beschwerde über unerfüllte Erwartungen«.

Es handelt sich hier um die klassischen Materien der Rhetorik als Sprachhandlungstheorie. Maturana führt sie nicht aus, belässt es vielmehr bei der einlässlichen biologisch-anthropologischen Begründung dessen, was er als »Netzwerk von Konversationen« beschreibt. Über »Akzeptabilität«, Konsensualität, »Erhaltung der Anpassung« nähert er sich aber jenem Bereich, der die Domäne der »Neuen Rhetorik« als Argumentationstheorie ist.

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