Helmut Schanze
Anpassungen. Biologie - Kognition - Neue Rhetorik bei Maturana und Perelman
Abschnitt 3

   
             
 
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2. Chaim Perelman - die Stärke der Argumente

Nach Ende des zweiten Weltkriegs, in Bezug auf die Erfahrung der europäischen Katastrophe des zweiten Weltkriegs im 20. Jahrhundert, entwickelt der Philosoph und Rechtstheoretiker Chaim Perelman seine »formale Gerechtigkeitsregel« als Neufassung der »Goldenen Regel«: Sie fordert die »gleiche Behandlung von Wesen einer wesentlich gleichen Art bei gleichen Umständen.« (S. 1). Die positivistische Anlage der damaligen Untersuchung habe jedoch die für die Gerechtigkeitsregel in der Praxis entscheidende Differenzierung nicht zugelassen: »Doch wie ist das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen?« (S. 1). Diese Unterscheidung verlange den Rückgriff auf Werturteile, die - aus seiner damaligen Sicht - als »völlig willkürlich und logisch unbestimmt« erschienen seien.

Die Suche nach einer »Logik der Werturteile« jedoch bringt für Perelman eine für »die Wissenschaft« unerwartetes Ergebnis: Es gebe keine spezifische Logik der Werturteile, die Antwort auf die Frage nach einem zureichenden Verfahren, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, sei bereits in der Antike entwickelt worden: in der Rhetorik, der alten Kunst des Überzeugens und Überredens. »Wir entdeckten, daß in jenen Bereichen, wo es um die Frage geht, was vorzuziehen, was annehmbar und vernünftig ist, die Folgerungen weder formal schlüssige Deduktionen noch vom Einzelfall her verallgemeinernde Induktionen sind, sondern daß es sich hier um alle möglichen Arten von Argumentationen handelt, die darauf abzielen, die Übereinstimmung der Meinungen mit den ihnen unterbreiteten Thesen zu erreichen.« (S. 2) Die neuere Entwicklung der Rhetorik zu einer »Rhetorik der Figuren« habe den persuasiven Charakter der Rhetorik verdrängt. Die »eingeengte Rhetorik« (»rhétorique réstrainte«, Gerard Genette) habe sich zunächst auf die Theorie der Beredsamkeit und eine Theorie des Redeaufbaus, schließlich auf eine Rhetorik der Figuren beschränkt. Die Theorie der Argumentation dagegen, welche die Verknüpfung der Rhetorik mit der demonstrativen Logik und der Philosophie leiste, verschwinde in der Schultradition nahezu völlig. Es erscheint Perelman fragwürdig, eine Erneuerung der Rhetorik allein von einer Rhetorik der Figuren zu erhoffen. Zu erneuern sei vielmehr deren dynamische, persuasive Konzeption in einer erneuerten Theorie der Argumentation.

Nicht eine Eingrenzung, sondern eine Erweiterung des »Reichs der Rhetorik« begründet die »Neue Rhetorik«: Sie bezieht sich auf »sämtliche Arten von Zuhörerschaft«, vom Reden zu sich selbst bis hin zu einem zur ganzen Menschheit. Sie deckt als Theorie der Argumentation das Feld »sämtlicher auf Überzeugung oder Überredung gerichteten Diskurse, an welche Zuhörerschaft sie sich auch richten und welchen Gegenstand sie auch behandeln mögen.«(S. 15). Aus ihr seien, je nach dem Typ des Auditoriums und der Art der Disziplin spezialisierte Methodologien (»Logiken«) zu entwickeln.

Perelman nimmt im alten Streit zwischen Philosophie und Rhetorik eindeutig Stellung: Er kehrt die Tradition der abendländischen Metaphysik und ihrer Rhetorikverachtung schlicht um: Der Anschein ist vor die Wahrheit, die Meinung vor das Wissen zu stellen. Wer Wahrheit ohne Argumentation aufdecken zu können glaubt, kenne nur Verachtung für die Rhetorik, die sich »nur« auf Meinungen bezieht. Werde jedoch bestritten, dass sich philosophische Thesen auf eine unmittelbare Erkenntnis gründen ließen, dann bedürfe es zu ihrer Durchsetzung notwendig argumentativer Techniken. »Die Philosophie kommt ohne die neue Rhetorik nicht aus.«(S. 16). Die Geringschätzung der Rhetorik habe überdies zu einer Negierung der praktischen Vernunft geführt; die Probleme des Handelns seien entweder auf Probleme des Wissens, also solche der Wahrheit und Wahrscheinlichkeit zurückgeführt, oder aber als außerhalb der Vernunft angesehen worden.

Perelman beschränkt die Theorie der Argumentation nicht auf die praktische Sphäre; sie führe vielmehr ins Zentrum der Theoriebildung. Als Wahlhandlungen, die durch Beratung und Diskussion unterschiedlicher Lösungen vorbereitet werden, gilt auch die Wahl von Definitionen, Modellen und Analogien (S. 17). Ziel der Argumentation ist es - und hier folgt Perelman den aristotelischen Bestimmungen - nicht, Folgen aus Prämissen abzuleiten, sondern die »Übereinstimmung eines Publikums mit den Thesen, die man seiner Zustimmung unterbreitet, hervorzurufen oder zu verstärken«. (S. 18). Gemäß dem pluralen Begriff des Publikums, bis hin zum universellen Auditorium, sind unterschiedliche argumentative Techniken einzusetzen: So zeuge es von Inkompetenz, nach Belieben den Bestand von Thesen und Methoden einer spezialisierten Disziplin vor einer Zuhörerschaft von Spezialisten zu bestreiten, »da dies den Bestand der wissenschaftlichen Glaubensätze« gefährde. Perelman unterscheidet zwischen »Reden an einige Wenige« und solchen, die »für alle gültig sein sollen«. Bei letzteren seien die Prämissen und Argumente verallgemeinerungsfähig, das heißt, grundsätzlich für alle Mitglieder der universalen Öffentlichkeit übernehmbar.«(S. 27).

Um durch Rede wirksam handeln zu können, bedarf es einer Einstellung auf das jeweilige Publikum, einer »Anpassung«, die als spezifische Voraussetzung der Argumentation gelten kann. Perelman zielt hier auf die allgemeinste Form des »Aptum«. »Anpassung an das Publikum heißt vor allen Dingen, die ihm vertrauten Thesen als Prämissen der Argumentation zu nehmen.«(S. 32). Zu unterscheiden sind Thesen, die auf das »Wirkliche« (Tatsachen, Wahrheiten) zielen, von solchen, die auf das »Wünschbare« (Werte, Hierarchien) abheben. Für die Argumentationstheorie kann der Status der Tatsache oder Wahrheit nicht auf Dauer gewährleistet werden, »außer unter der Voraussetzung, es gebe eine unfehlbare Autorität, eine Göttlichkeit, deren Versprechen und Offenbarungen keinen Widerspruch erlauben und durch die Tatsachen und Wahrheiten garantiert sind.« Ohne diese Garantie müssten und könnten auch die in der Expertenmeinung geltenden Wahrheiten immer wieder in Frage gestellt werden. In Bezug auf »Werte« komme es darauf an, die Einzelwerte als Facette von allgemeinen Werten darzustellen und sie damit auf die Probe der Zustimmung der universalen Öffentlichkeit zu stellen.

Durch »Argumentation« wird es möglich, das System der Erfahrung »anzupassen«, und den verwendeten Formeln eine höhere Flexibilität zu geben. »Dies brächte in der weiteren Folge das System in den Gesamtzusammenhang unserer Kenntnisse und Erwartungen zurück und erneuerte die Verbindung zwischen dem abgetrennten Bereich« (der spezialisierten Wissenschaft) »und der Gesamtheit der Hoffungen und Überzeugungen.« (S. 41).

Indem Perelman die »Argumente aus der Struktur des Wirklichen« dynamisch mit den Argumenten aus der Struktur des Wünschbaren verbindet, baut er ein Argumentationskontinuum auf, das durchgehend auf die Vielheit der Publika bezogen bleibt. Sequenzen, Koexistenzen, Symbole, Hierarchien, Ränge strukturieren die Wirklichkeit. Argumente durch Beispiel, Illustration und Modell führen in die Übergangszone zum »Wünschbaren«. Analogie und Metapher erweitern das Wissen. Die begriffliche Dissoziation (das Feld der Philosophie) könne dem Reich der Rhetorik indiziert werden, wenn die philosophische Unterscheidung von Schein und Wahrheit selber als Argument begriffen wird. Die Frage nach der Wahrheit lasse sich von der Frage nach der Zustimmung nicht trennen.

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