Helmut Schanze
Anpassungen. Biologie - Kognition - Neue Rhetorik bei Maturana und Perelman
Abschnitt 4

   
             
 
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3. Der Raum der Rede

Hier können die Überlegungen Maturanas und Perelmans zusammengeführt werden. Beide sprechen von den zwei Wegen der Philosophie. Der erste geht von einem garantierten Wissen aus. Er lässt keinen Raum mehr für Gespräch und Rede. Der zweite erkennt, dass jede Evidenz von Dialektik und Rhetorik »mitbestimmt« wird. Im Falle der spezialisierten Gerechtigkeitsregel, die konstitutiv sein soll für das Entscheidungshandeln der Jurisprudenz, konnte Perelman zeigen, dass »eine Theorie des Vernunftrechts sich nur als Gegenstand eines consensus einer organisierten Gemeinschaft« auszuarbeiten ist. Die »Neue Rhetorik« versteht sich als »allgemeine Theorie des persuasiven Diskurses, der auf intellektuelle wie emotionale Zustimmung einer Öffentlichkeit abzielt.« (S. 163).

Es kann hier nicht darauf ankommen, eine Konkordanz der Begriffe zwischen Maturana und Perelman abschließend zu behaupten und tabellarisch zu belegen. Ohnehin neigt der Dialog zwischen den Wissenschaften, der nicht zuletzt auch die Aufgabe und Zielsetzung neuerer Rhetorikforschung sein sollte, zur Isolierung von Begriffen und zu Taxonomien, die mehr oder minder zwanghaft auf »Übereinstimmung« oder »Differenz« gebracht werden müssen. Maturanas Gang von der Naturwissenschaft zur Kognitionswissenschaft, Perelmans Gang von der Philosophie und ihren letzten Gewissheiten zu einer offenen, prozessual gedachten »Neuen Rhetorik« haben unterschiedliche Voraussetzungen, stehen in unterschiedlichen Traditionen, was Thesen, Methodologie und Sprache anbetrifft. Diese Unterschiede können nicht einfach ausgestrichen werden. Josef Kopperschmidt aber hat in diesem Zusammenhang eine Übersetzungsleistung eingefordert, die in den unterschiedlichen Terminologien sich abbildenden Problemzugänge vermittelt und ein möglicherweise gemeinsames Reflexionsinteresse zu erkennen gebe. Maturanas »Anpassung« entspringt dem biologischen Denken, die Perelmans seiner Konzeption eines Zugehens des Redners auf sein Publikum. Auch wenn der Bezug auf den historischen Begriff des »Aptum« implizit gegeben ist, dürfen die Konzepte, bei gleichlautendem Wort, nicht einfach identifiziert werden. Maturana wie Perelmann erweitern das »Reich der Rhetorik« über die reine Figurenlehre hinaus. Maturana nähert sich einer persuasiven Rhetorik, ausgehend von der biologisch gefassten Möglichkeit der »Selbstzerstörung« lebender Systeme und der sich hieraus ergebenden »Anpassung«, in seinem Konzept der »Konversationen«. Perelman argumentiert kritisch aus der apokalyptischen Vision einer alles zerstörenden Wahrheitsbehauptung heraus für Rede und Gespräch. Maturana klärt die biologischen Grundlagen für das »Aptum«; Perelman führt die Überlegungen Maturanas zum Konzept der notwendigen Konversationen argumentationstheoretisch aus. Einig sind sie sich darin, dass es zur »Anpassung« ohne Verlust der Identität keine rationale Alternative gibt. Beide plädieren gegen das Gewaltverhältnis, das sich aus einer Instanz »unmittelbarer« Wahrheit ergebe, und für die »Anpassung« in Rede und Gespräch.

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