Gebhard Rusch & Reinhold Viehoff (Siegen)1

50 - Ein SPIEL-Gespräch2 mit S.J. Schmidt über Wissenschaft, Kunst, Leben, Kunst, Wissenschaft.

   
           
 
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Zuerst in: SPIEL 9/1990, H 2, S. 437-452

    50 - SPIEL talking with S.J. Schmidt about Science, Art, Life, Art, Science.

    S.J. Schmidt, the head of the Siegen - research groups NIKOL and LUMIS, entering the second half of his century, is interviewed. He comments on his life as a scientist, and an artist. For example, he thinks it's necessary to the development of the empirical study of literature to concentrate on three main problems: the evaluation of empirical methods, the creation of a satisfactory systems - theoretical approach, and last but not least the integration of symbolic and social systems, i.e. to give better reasons for textual analysis within the empirical approach. He also comments on scholarly trends, on political contexts and on the creativity of teamwork.

1 Wissenschaft - Kunst - Leben

Wir kennen deine Publikationsliste, du fasst da sowohl deine wissenschaftlichen als auch deine künstlerischen Arbeiten immer zusammen. Warum machst du da keinen Unterschied?

Um es kurz zu sagen, weil ich keinen kategorialen Unterschied zwischen den beiden Bereichen meiner Tätigkeit sehe. Das heißt nicht, dass ich poststrukturalistisch oder postmodern erklären würde, alles sei eins. Ich glaube schon, dass es sich um unterschiedliche soziale Systeme handelt. Aber da ich in beiden Sozialsystemen arbeite, sehe ich keinen Grund, meine eigene Tätigkeit aufzuspalten. Ich meine, eine Literaturliste soll in gewissem Sinne auch widerspiegeln, was jemand insgesamt macht. Und da beides öffentliche Tätigkeiten sind, finde ich, sollten die auch in den Report der öffentlichen Arbeit oder der öffentlich zugänglichen Arbeit gehören.

Das heißt, diese Liste, in der Wissenschaft und Kunst gemeinsam, vereint aufgetreten, die benutzt du auch etwa, wenn du dich wissenschaftlich irgendwo präsentierst?

Ja.

Das führt direkt zu einem Fragekomplex, der das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst allgemein berührt. Du bist ja jemand, der sozusagen in Person diese beiden Bereiche verkörpert und lebt. Du hast eben gesagt, du siehst keinen kategorialen Unterschied. Ich nehme an, sofern deine Arbeitstätigkeit betroffen ist, in vielen anderen Hinsichten gibt es natürlich schon Unterschiede, und du machst da ja auch Unterschiede! Wo sind denn die relevanten Differenzen?

Wie ich schon gesagt habe, handelt es sich um zwei unterschiedliche soziale Systeme - Kunst und Wissenschaft -, und innerhalb dieser beiden Systeme sind die Kriterien unterschiedlich. Also, ganz kurz gesagt, im Wissenschaftssystem wird nach wie vor ein anderer Referenzmechanismus, ein anderer Wahrheitsbegriff angenommen als im Kunstbereich. Die Einschätzungskriterien sind andere, die Zuordnung der Produkte zu anderen Produkten sind andere, der interne Mechanismus der Interaktion läuft anders.

Bedeutet das für dich nicht gelegentlich ein Problem, immer so hin und her schalten zu müssen?

Das Problem liegt eigentlich weniger in der Arbeit, die sehr oft sehr parallel läuft. Ich arbeite häufig an einem literarischen oder künstlerischen Projekt und einem wissenschaftlichen Projekt gleichzeitig und die Erfahrungen aus dem einen Bereich gehen in den anderen Bereich ein. Von daher kann ich von meiner Arbeitsweise her keinen prinzipiellen Unterschied machen. Das Problem liegt eher in der Vertretung der Produkte nach außen. Da geht es um völlig unterschiedliche Publika, um völlig unterschiedliche Akzeptanzbedingungen in den Publika, auch zum Beispiel um andere soziale Umgangsformen. Die Schwierigkeiten vor allem im künstlerischen Bereich bestehen darin, dass die Kollegen, mit denen ich da umgehe, mit mir immer Einordnungsprobleme haben.

Das betrifft ja auch den Wissenschaftsbereich, das ist ja nicht nur in der Kunst so...

...obwohl es im Wissenschaftsbereich weniger bekannt ist, dass ich in zwei Bereichen arbeite. Es ist so: mit wissenschaftlichen Kollegen, die das nicht wissen, gibt es wenig Friktionen - da laufe ich in der großen Hammelherde der Wissenschaftler mit. Das gilt auch für die Künstler, die nicht wissen, dass ich etwas anderes mache. Sobald sie es aber erfahren, dass ich auch Wissenschaft betreibe, ist sofort eine Art imaginärer Wand da.

Was hast du für eine Vorstellung, was ist das für eine Wand in den Augen der anderen, also diese Akzeptanzfrage?

Wissenschaftler betrachten jemanden, der auch im künstlerischen Bereich arbeitet als jemanden, der entweder etwas suspekt oder ein Zwitter ist, oder als jemanden, der die Kunst natürlich nur hobbymäßig betreiben kann. Künstler haben Schwierigkeiten, weil für sie Kunst und Wissenschaft so unterschiedliche Welten sind, dass sie sich nicht vorstellen können, jemand könne in beiden Bereichen wirklich produktiv arbeiten. Die sehen das also auch im Grunde entweder als einen verfehlten Anspruch - aha, da will jemand in unserem Revier herumwildern - oder sie sehen es als Freizeitbeschäftigung, dass sie sagen: »Na gut, manche fahren Fahrrad und der versucht dann eben künstlerische oder literarische Produkte zu erzeugen.«

Ich will einmal eine ganz wilde Spekulation wagen. Dieser Gegensatz zwischen Kunst und Wissenschaft ist ja als Topos in der kunsttheoretischen Diskussion bekannt. Man könnte den jetzt erweitern um ein weiteres Element - »Leben« - und hätte dann so eine Triade: Wissenschaft, Kunst und Leben. Um den Konflikt zwischen Kunst und Leben zu überbrücken, hilft dir die Wissenschaft. Um den Konflikt zwischen Wissenschaft und Kunst zu überbrücken, hilft dir das Leben, und um den Konflikt zwischen Wissenschaft und Leben zu überbrücken, hilft dir die Kunst. Das wäre so ein Gewebe, so ein Netzwerk, in dem sozusagen das eine zum Komplement jeweils der beiden anderen Teile wird. Würdest du das so ähnlich sehen oder siehst du für das Leben, das ja sozusagen einmal in der Dimension deiner künstlerischen Tätigkeit und einmal in der deiner wissenschaftlichen Tätigkeit verkörpert wird, siehst du das noch irgendwie als etwas was daneben steht? Außerhalb dieser Triade meine ich.

Die Triade ist ein sehr gutes Modell, um das zu beschreiben.

Wenn wir bei diesem Bild bleiben, dieser Triade, dann ist meine Einschätzung, dass du im wissenschaftlichen Bereich zweifellos streng wissenschaftlich argumentierst, denkst, bis hin zu formelhaftem Argumentieren und Explizieren. Auch deine Kunst ist nicht sehr expressiv und sehr gefühlsbetont, sie ist eher durchdacht und rational gestimmt. Ist jetzt das Leben dafür expressiv, narrativ, ist das Expressive jetzt da irgendwo begraben?

Nein, wenn ich ehrlich bin: eigentlich nicht. Oder sagen wir mal: immer weniger. Die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Problemen und auch mit einer bestimmten Art von künstlerischer Tätigkeit, die doch eher konstruktiv als expressiv ist, prägt doch auch insgesamt das Leben.

Aber noch mal zurück dazu: ich glaube die Beobachtung gemacht zu haben, dass du im wissenschaftlichen und künstlerischen Bereich sehr rational - konstruktiv vorgehst, während du im privaten Bereich, etwa auch in der alltäglichen Kommunikation, ja ein ausgesprochen narrativer Typ bist. Ist das für dich ein Problem, die Sachen miteinander zu verbinden, denn innerhalb der Wissenschaft bist du ja eher gegenüber Narration etwas zurückhaltend, abweisend sogar?

Ich habe im wissenschaftlichen wie im künstlerischen Bereich Schwierigkeiten mit dem Erzählen...

...aber nicht im Privaten?

...nicht im Privaten, ich erzähle ausgesprochen gerne und da auch durchaus mit Schwierigkeiten, Fiktion und sogenannte Wirklichkeit auseinander zu halten. Also, mir ist eine gute Erzählung wichtiger als eine richtige Erzählung, das muss ich schon gestehen. Ich bin auch gerne mit Leuten zusammen, wo man erzählen kann, und ich kann es zum Beispiel auf den Tod nicht ausstehen, wenn dann jemand anfängt zu sagen, »nee, das war aber viertel nach acht«, wenn ich gesagt habe »zehn nach acht«, also so was nervt mich, weil es einfach die Erzählung unterbricht. Ich sehe die Funktion von Erzählung eben auch nicht darin, nun meinen Kalender umzusetzen in einen Bericht, sondern eher in einer Art von emotionaler Einschätzung, ja, vielleicht auch mit Vorstellungen und Wünschen umzugehen. Beim Erzählen bin ich auch sehr um eine bestimmte Art von ironischer Variation, überhaupt also stilistischer Vielfalt bemüht. Ja, ich habe schon Narrationsbedarf und auch ein großes Faible für Narrationen, also ich schaue zum Beispiel wahnsinnig gerne Filme, die gut erzählt sind. Also für einen guten Western, der eine spannende Story hat, lasse ich wirklich jeden Experimentalfilm erst mal stehen. Da bin ich durchaus traditionell.

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