Gebhard Rusch & Reinhold Viehoff (Siegen)
50 - Ein SPIEL-Gespräch mit S.J. Schmidt über Wissenschaft, Kunst, Leben, Kunst, Wissenschaft. Abschnitt 2

   
             
 
   Home    
   

2 Erzählen

Die Beziehung zwischen Erzählen im Alltag und der wissenschaftlichen Einstellung zum Erzählen, zur Narration durchzieht ja einen sehr großen Teil deines wissenschaftlichen Lebens. Du hast dies zum Thema deiner wissenschaftlichen Arbeit gemacht bis zu einem gewissen Grade und du bist ja auch als jemand bekannt in Wissenschaftskreisen, in der Disziplin, der sich vehement gegen das Erzählen, gegen das Interpretieren, gegen die Hermeneutik als solche usw. gewandt hat. Gibt es für diesen Konflikt, so er denn auch ein persönlich erlebter Konflikt ist, ein Motiv in deiner Biographie? Kannst du das irgendwie festmachen, woher auf der einen Seite dieser Hang, diese Liebe zum Erzählen im Alltag kommt - und das wird ja auch bis zu einem gewissen Grade kultiviert, auch gepflegt, richtig gepflegt - und auf der anderen Seite die Abneigung gegen oder die Vorbehalte, besser gesagt, gegen wissenschaftliche Formen des Erzählens?

Also die Vorliebe für das Erzählen geht, glaube ich, eindeutig zurück auf meine Großmutter mütterlicherseits, die wunderbar Geschichten erzählen konnte und als Kind in Kärnten, als relativ kleines Kind, habe ich mir von der ständig Geschichten erzählen lassen und auch meine Mutter hat dann sehr viel Geschichten erzählt, die allerdings nicht ganz so eindrucksvoll waren, weil sie sozusagen schon näher dran waren am Alltag. Dagegen meine Großmutter hat noch aus dem Kakanien erzählt, und in der Familie sind also wirklich abenteuerliche Geschichten passiert, und überhaupt Kärnten...

...erzählt worden offenbar ja nur - passiert ist ja noch die Frage...

Der Unterschied spielt in meiner Erinnerung keine Rolle, nur es waren einfach abenteuerliche und faszinierende Geschichten, die authentisch erzählt wurden und von daher habe ich ganz sicher sehr früh schon die Liebe für interessante, spannende auch, weit zurückliegende exotische Geschichten gehabt. Im wissenschaftlichen Bereich ist, glaube ich, die Abneigung gegen das Erzählen eindeutig eine Folge des Studiums bei Peter Hartmann, der ein ungemein präziser und zu einem hohen Abstraktionsniveau tendierender akademischer Lehrer war. Das ist auch der einzige, von dem ich wirklich sagen würde, ich war sein Schüler und er mein Lehrer in einem ganz emphatischen Sinne, was auch bis in die privaten Beziehungen gegangen ist, die bis zum Tag vor seinem Tode funktioniert haben. Peter Hartmann, der von Konstanz aus familiäre Beziehungen in Münster hatte, ist immer vorbeigekommen. Wir haben stundenlang miteinander geredet, haben Projekte zusammen geplant und besprochen. Bei Peter Hartmann habe ich, sehr mühsam muss ich sagen, weil mir das an sich überhaupt nicht lag, eine bestimmte Art von Abstraktionsniveau schätzen gelernt, was bei Hartmann so weit ging, dass die meisten seiner Assistenten und Mitarbeiter nie Arbeiten von ihm gelesen haben, weil sie immer gesagt haben, das verstehe ich nicht und ich, glaube ich, der einzige war, der fast sein gesamtes OEuvre gelesen hat. Das hat mich also sehr stark geprägt, und da ich gleichzeitig bei den Germanisten in Münster eine sehr narrativ-hermeneutisch-intuitive Art der Germanistik kennen gelernt habe, habe ich diesen Konflikt zugunsten der Erfahrung mit Peter Hartmann für mich entschieden, was mich in große Schwierigkeiten gebracht hat bei den Germanisten. Was mich aber auch sehr früh schon daran gewöhnt hat, mich mit Kontroversen, auch sehr harten Kontroversen auseinander zu setzen, denen nicht aus dem Weg zu gehen. Hartmann hat mir auch relativ frühzeitig gesagt, wenn sie sich für diesen Typ von Wissenschaft entscheiden, dann können sie sich aus dem anderen Bereich (also der Germanistik) weitestgehend abmelden, sie werden in dem Bereich nie Karriere machen.

top

 
1. Abschnitt

2. Abschnitt

3. Abschnitt

4. Abschnitt

5. Abschnitt

6. Abschnitt

Druckversion