Gebhard Rusch & Reinhold Viehoff (Siegen)
50 - Ein SPIEL-Gespräch mit S.J. Schmidt über Wissenschaft, Kunst, Leben, Kunst, Wissenschaft. Abschnitt 3

   
             
 
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3 Kontroversen und Anschlüsse, Lernen und Vergessen

Du hast gerade von Kontroversen gesprochen. Lohnen sich wissenschaftliche Kontroversen?

Die Frage ist für wen?

Für dich?

Für mich haben sie sich in sehr vielen Fällen gelohnt und ich habe eigentlich durch Kontroversen gelernt, auch mit persönlich verletzender Kritik umzugehen, vielleicht nicht im Moment, aber nach einer Weile der Verarbeitung. Ich glaube, dass sich für die Wissenschaft selber Kontroversen selten lohnen, es sei denn, sie werden auf eine Ebene gehoben - ich will jetzt also nur mal Nummern nennen, nicht um das zu vergleichen - wie die Apel/Habermas/Albert-Kontroverse oder natürlich sozusagen als ganz großes Beispiel auch die Luhmann/Habermas-Kontroversen. Da können Kontroversen schon dazu führen, dass Positionen wirklich klar werden, dass man selber gezwungen wird, aufgrund der Kritik die eigene Position zu schärfen, zu reformulieren. Ich glaube, Kontroversen lohnen sich dann, wenn man es mit Gesprächspartnern oder Kontrahenten zu tun hat, die lernfähig geblieben sind oder überhaupt lernbereit sind und die bilden nach meiner Erfahrung die Ausnahmen. Ich meine, die Kontroversen, die wir hier zum Beispiel im LUMIS-Institut in den letzten Jahren geführt haben, haben mich persönlich tiefgreifend verändert und beeinflusst. Allerdings war hier der Vorteil, dass eigentlich immer deutlich war, dass es nicht um persönliche Verletzungen ging. Ich könnte mir die Arbeit in der Gruppe ohne wirklich hart geführte Kontroversen nicht vorstellen und ich weiß auch von vielen Ausländern und Auswärtigen, die mal unsere Diskussionen miterlebt haben, dass sie erstaunt waren, wie sachlich, aber wie unerbittlich die Dinge kontrovers diskutiert werden und dass wirklich etwas dabei herauskommt.

Geistige Bereicherung ist ein Stichwort. Du hast eben schon im Zusammenhang mit Peter Hartmann gesagt, du hättest dessen gesamtes OEuvre gelesen und wenn ich deine Publikationen ansehen und von nur einer geringen Auswahl das Literaturverzeichnis addieren würde, da kommt ja etwas zusammen, was du so gelesen hast in deinem Leben. Es gibt eine hübsche Parabel von Hesse. Da geht ein Schüler zu einem Einsiedler und sagt: »Wie werde ich klug?« Da sagt der Einsiedler: »Gehe mir bitte, bevor ich dir die Antwort gebe, in diesem Korb Wasser holen.« Und dann rennt der Schüler Tage, Wochen und Jahre mit dem Korb Wasser holen, er fragt immer wieder, und schließlich erhält er die Antwort: »Sieh' in den Korb.« Und der Korb ist schön sauber. Das ist die Antwort. Ist das alles so auch durch dich durchgelaufen, was du gelesen hast, hat sich geklärt, hat sozusagen die Strukturen geklärt?

Also innerhalb der Philosophie war ganz sicher Wittgenstein eine der prägenden Erfahrungen. Innerhalb der Linguistik Peter Hartmann und Sachen, die von Peter Hartmann angestoßen worden sind, also etwa auch eine relativ frühe Beschäftigung mit Chomsky, die mich zu einer relativ frühen Abneigung gegen die generative Grammatik und ihre Fruchtbarkeit und Anwendbarkeit gebracht haben. Was dann dazu geführt hat, dass ich aus der Linguistik ausgeschieden bin, als die Linguistik sich zu 95 Prozent generativiert hat. Die Anstöße, die ich der Linguistik durch meine frühen Arbeiten zur Texttheorie und Pragmatik zu geben versucht hatte, sind damals kaum aufgegriffen worden - aus der schlichten Tatsache heraus, dass sie nicht voll formalisiert waren und ich immer die Auffassung vertreten habe, was sicher damit zusammenhängt, dass ich ein lausiger Logiker und gar kein Mathematiker bin und das also einfach nicht konnte, dass sich Formalisierung erst lohnt, wenn man das Problem kognitiv gelöst hat, dass es eher ein Darstellungsproblem und zumindest für unsere Probleme kein heuristisches Mittel ist. Innerhalb einer Linguistik, die sich also sehr stark mathematisiert und generativiert hatte, sah ich damals keine Möglichkeiten mehr und ich bin halt aus der Linguistik ausgestiegen, obwohl ich einen Lehrstuhl für Linguistik hatte, was ich bis heute nicht bedauere. Das wäre also innerhalb der Linguistik sicher ein wichtiger Punkt gewesen. Eine Anregung, die zunächst etwas randständig klingt: ich bin bei der Arbeit mit Peter Hartmann eigentlich durch eine Nebenbemerkung, die er mal fallen gelassen hat, auf den Philipp Wegener3 aufmerksam geworden und habe da ein spätes 19.Jahrhundert-Buch entdeckt, was im Grunde alle die Themen, die wir jetzt heute mühsam erst wieder aufarbeiten, eingeklagt hat. Also Beziehungsaspekte in der Kommunikation, Glaubwürdigkeits- und Authentizitätsfaktoren und all so was, was in der strukturellen und generativen Linguistik außen vorgelassen wurde. Dann natürlich der letzte und wichtige Anstoß und Einfluss, Maturana und der radikale Konstruktivismus. In dem Zusammenhang hat, glaube ich, Gerhard Roth auch eine wichtige Rolle gespielt. Da glaube ich schon, dass das so einige Hausnummern sind, die in der Biographie das Wasser durch den Korb...

Etwas, was mir übrigens immer wieder bei mir selber aufgefallen ist, ist eine fatal große Fähigkeit des Vergessens, die bis zu dem Punkt geht, dass ich auch vergesse, was ich in einigen früheren Publikationen geschrieben habe. Natürlich gibt es einige Bücher, die entweder vom Schreiben her eine besondere emotionale Besetzung haben oder, bei/in denen für mich selber Dinge besonders klar geworden sind. Z.B. jetzt das 18. Jahrhundert-Buch - das ist für mich einfach ein wichtiges Buch, und natürlich war »Grundriss« für mich ein wichtiges Buch. Es gibt einige Publikationen, an die ich mich noch sehr gut erinnern kann, aber es gibt andere, die ich wirklich vergessen habe. Und so natürlich auch mit dutzenden von Titeln, die ich gelesen habe und wo ich dann wirklich die Karteikarte heraussuchen muss, um zu sehen, aha, das hast du auch einmal gelesen. Aber dies Vergessen bezieht sich auch auf literarische Erfahrungen, auf Sachen die ich selber gemacht habe und fatalerweise auch auf den persönlichen Bereich.

Da du gerade das mit den Karteikarten angesprochen hast, hast du ein bestimmtes Arbeitssystem? Man weiß das von Luhmann mit den unendlichen Karten ... Zettelkästen. Das hört sich eher bei mir so an: du willst sogar bestimmte Sachen immer wieder, oder hin und wieder, vergessen, damit Platz für Neues geschaffen wird. Ist das so?

Ja, ganz eindeutig. Dazu arbeite ich auch im wissenschaftlichen Bereich, das mag vielleicht komisch klingen, viel zu spontan und manchmal auch unüberlegt und auf jeden Fall unstrategisch und mit einem sehr schwach entwickelten wissenschaftspolitischen Willen.

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