Gebhard Rusch & Reinhold Viehoff (Siegen)
50 - Ein SPIEL-Gespräch mit S.J. Schmidt über Wissenschaft, Kunst, Leben, Kunst, Wissenschaft. Abschnitt 4

   
             
 
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4 Wissenschaft, Politik, Wissenschaftspolitik

Nun ist die Uni ja ein ganz spezifisches Arbeitsmilieu und in der Literaturwissenschaft ist es eher ungewöhnlich, Teamarbeit durchzuführen. Wie würdest du denn überhaupt die Arbeitsbedingungen an der Uni im Moment einschätzen, auch in Bezug auf Literaturwissenschaft. Sollte es da vielleicht neue Ideen, etwa mehr verstärkte Teamarbeit geben, auch Strukturen, die so etwas ermöglichen, oder soll das alles so weiter laufen wie bisher?

Und noch ergänzend in eine bestimmte Richtung: das, was du hier an der Universität machst als Literaturwissenschaftler oder als Philosoph oder was du als Künstler außerhalb der Universität machst, das sind Dinge, die sehr stark mit Kreativität, mit dem Schaffen von neuen Ideen zusammenhängen. Hälst du das Arbeitsklima hier an der Universität für eins, das Kreativität fördert, unterstützt? Hälst du die Möglichkeiten der Teamarbeit für kreativitätsfördernd? Ist das auch ein Grund dafür, dass du dich für Teamarbeit entschieden hast?

Die einzige kreativitätsfördernde Institution, die ich an der Universität sehe, ist wirklich die Teamarbeit. Also ich glaube, dass das Einzelkämpfertum die Literaturwissenschaft kaputt gemacht hat. Die andere Frage ist natürlich, wie weit in den gegenwärtigen Strukturen überhaupt Teamarbeit möglich ist. Da kommen wir an den ganzen ökonomischen Bereich der Drittmittelforschung, der Vergabe von Forschungsmitteln innerhalb der Universität, denn Teamarbeit ist nun mal auf eine bestimmte ökonomische Ressource angewiesen. Ich halte für eins der Grundübel der Geisteswissenschaften, dass Teamarbeit in den Geisteswissenschaften nicht selbstverständlich ist. Das ist einer der Gründe für ihre Rückständigkeit. Ich war ja vor einiger Zeit bei dem Institut von Gerhard Roth4. Wenn man sieht, mit welcher Selbstverständlichkeit da Probleme gemeinsam formuliert, behandelt werden, wie einfach das gemeinsame Arbeiten...

Das sind Naturwissenschaftler!

Das sind Naturwissenschaftler, aber wenn man sieht, wie da das gemeinsame Arbeiten Selbstverständlichkeit wird, dann merkt man auf der einen Seite, dass wir wirklich trotz aller Mängel mit unserem Team was absolut ungewöhnliches und vielversprechendes geschafft haben, was wir uns auch nicht aus der Hand nehmen lassen oder geben sollten und dass, wenn überhaupt, Formen von Teamarbeit die Struktur wären, in der unsere Fächer noch profitieren können. Das hat rein sachliche Gründe. Bei der enormen Spezialisierung und Ausweitung von Fragestellungen, bei der Notwendigkeit von Interdisziplinarität, bei den Anforderungen, die empirische Arbeit stellt, ist Teamarbeit die einzig sinnvolle Möglichkeit. Eine gewisse Schwierigkeit bei Teamarbeit liegt darin, dass ein Ausgleich gefunden werden muss zwischen Kollegialität auf der einen Seite und einer gewissen Hierarchisierung auf der anderen ... und das ist eine Frage die in der Person des jeweiligen Teamsprechers oder Teamleiters ausgeglichen werden muss. Das ist ein Punkt, der mir immer Schwierigkeiten gemacht hat. Auf der einen Seite ... ja Freund und Kollege zu sein und dann gleichzeitig jemand sein zu müssen oder sein zu sollen, der irgendwann auch mal Direktiven ausgeben muss.

Wie siehst du überhaupt die Situation der Disziplin, also ich spreche jetzt mal von der Literaturwissenschaft als der Disziplin, der wir hier mehr oder weniger zugeordnet sind. Also die gegenwärtige Situation und die Entwicklungsmöglichkeiten, Chancen oder Empfehlungen für die nächsten Jahre. Was meinst du wohin der Zug fährt oder wohin er gesteuert werden sollte?

Ich glaube, dass wir - und das wären drei Teams, mindestens von der Größenordnung, die wir selber haben - auf drei Gebieten systematisch arbeiten müssten. Erstens auf dem Gebiet Theorieentwicklung, und da schwebt mir persönlich vor, aber da kann ich mir auch Alternativen denken, eine ernsthafte und tragfähige Verbindung von Konstruktivismus und Systemtheorie. Aber das sind zwei Bereiche die genügend Potential haben, um - zusammengelegt und homogenisiert - wirklich eine paradigmaverdächtige Konzeption werden können, in die ich mir durchaus hermeneutisch-strukturalistische Einbauteile vorstellen kann. Also etwa in der Hinsicht, wie die Münchner Arbeitsgruppe5 das versucht, also eine Verbindung Systemtheorie/Sozialtheorie/Literatur. Das muss geleistet werden. Ein zweiter wichtiger Punkt: die Entwicklung von neuen empirischen Methoden, die die theoretischen Einsichten, die wir bisher gewonnen haben, wirklich integrieren. Norbert Groeben nehme ich da als Anregung und als Theoriepartner sehr ernst. Das müsste geleistet werden. Drittens bin ich persönlich zunehmend der Meinung, dass Literatur im Medienverbund, nicht nur so als Apercu, sondern als eine notwendige Verbindung theoretisch wie empirisch weitergeführt werden müsste.

Literatur?

Ja, Literatur und Medien und Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft.

Mit Literatur und Medien meinst du die ästhetische Komponente in der mediengestützten Kommunikation?

Ich meine jetzt ganz konkret die Auseinandersetzung zwischen Literatur als einem Medium und anderen Medien wie audiovisuelle oder anderen Printmedien, auch Hörfunk...

Du meinst damit einen literaturpolitischen Akzent?

Nein, ich meine wirklich die Konkurrenz des Printmediums Literatur und die Erweiterungsmöglichkeiten des Printmediums Literatur hin zu einem multimedialen Literatursystem.

Also, dass literarische Stücke nicht nur im Buchdruck, sondern auch im Hörfunk, im Fernsehen, auf anderen audiovisuellen Medien präsent sind und die jeweils medienspezifischen Verbiegungen, Veränderungen, auch Verschiebungen?

Nehmen wir mal ganz konkret die Veränderungen in den Erzählmodi, wie etwa durch den Videoclip, durch den Werbespot, durch z.B. auch Printwerbung, durch Veränderung der politischen Dokumentation, durch Multimedialität in der Kopplung von Computer und Visualität. All das, was da angeregt worden ist, muss von der Literatur (ich meine jetzt nicht die Literaturwissenschaft) sehr viel kompetenter und ernsthafter aufgegriffen werden und da müsste es in der Medienhochschule in Köln eine ernsthafte Auseinandersetzung auch mit literarischen Phänomenen geben.

Das wäre ein Appell an Autoren oder ein Appell an Künstler, an Multimediakünstler...

Beides!

...ein Appell an Politiker, eben die entsprechenden Nuancen, die entsprechenden Akzente zu setzen für eine kulturpolitische Entwicklung...

...und auch die entsprechenden Bedingungen zu schaffen, also etwa im Ausbildungsbereich. Das geht hin bis zum ganzen Publikationswesen, das geht eben hin bis zu der Präsens von komplexeren, neuen Literaturformen in den unterschiedlichen Medien.

Ist das ein Arbeitsfeld für dich als Künstler?

Das wäre es, wenn ich mehr Zeit hätte. Das scheitert wirklich dann an dem Zeitfaktor, der zunehmend dazu zwingt, langfristig Schwerpunkte zu setzen und mich selber immer vor die schwieriger werdende Entscheidung stellt, wie teilt man die Zeit auf, vor allem auch die Frage der zunehmenden Anforderung von außen, zu Vorträgen, zu Tagungen, zu Publikationen. Da sehe ich nicht mehr, dass man das als Einzelperson noch schaffen kann, aber das wäre also, wenn ich mich früh pensionieren lassen könnte, sicher ein Grund oder eine ernsthafte Überlegung, was den Rest meiner Jahre...

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