Gebhard Rusch & Reinhold Viehoff (Siegen)
50 - Ein SPIEL-Gespräch mit S.J. Schmidt über Wissenschaft, Kunst, Leben, Kunst, Wissenschaft. Abschnitt 5

   
             
 
   Home    
   

5 Kunsterotik, Wissenschaftserotik

Du hast angefangen, eben deine Lebensgeschichte damit zu schildern, dass du gesagt hast, im Grunde wolltest du Künstler werden. Und jetzt höre ich heraus, wenn es dir möglich wäre, würdest du das sofort auch jetzt noch machen. Ist das so?

Ja.

Aber die Möglichkeiten gibt es in der Weise nur, wenn du hier im wissenschaftlichen Bereich sozusagen alles kappen würdest?

Ganz praktisch gesehen von einem 24-Stunden-Tag her ist das so, und die Frage stellt sich natürlich auch, wo kann ich in den restlichen Jahren mehr bewegen. Solange ich in einem Team wie LUMIS/NIKOL arbeiten kann, sich dabei auch Zukunftsperspektiven stellen, wird die Frage von den vorhandenen Strukturen her entschieden. Wenn es da eine konkurrierende Möglichkeit etwa in einer Kunst- oder Medienhochschule gäbe, würde mir die Entscheidung schon schwerer fallen. Aber wenn ich sozusagen einmal unbeleckt von all diesen Problemen rein emotional entscheiden würde, würde ich viel lieber mein Arbeitszimmer morgen wieder in ein reines Atelier verwandeln.

Dabei ist doch die wissenschaftliche Arbeit für dich auch nicht ohne emotionalen Reiz?

Absolut nicht.

Es gibt doch auch da dieses Vergnügen daran, Strukturen zu schaffen, im wissenschaftlichen Bereich Theorien zu entwickeln, die auch bestimmten ästhetischen Anforderungen genügen und mit dem Gewinn von Einsichten, die man subjektiv für neu hält, die einen selber irgendwie verändern und weiterbringen ... ist ja auch immer eine gewisse Erregung mit verbunden, etwas, was man vielleicht sonst auch in der künstlerischen Produktion erlebt. Aber es ist offenbar dann trotz all dieser Erfahrungen, von denen ich mal annehme, dass du sie in den letzten Jahren im Wissenschaftsbereich auch häufiger gemacht hast, noch immer so, dass der Thrill mehr von der künstlerischen Tätigkeit ausgeht als von der wissenschaftlichen?

Ich bin ja fest überzeugt, dass jemand die Wissenschaft macht, die er als Person machen kann, also dass die persönlichen Elemente eine ganz große Rolle spielen bei dem Typ von Wissenschaft, den man präferiert. Das ist ganz sicher keine rein kognitive Angelegenheit, sondern sehr stark eine emotionale Angelegenheit. Da habe ich in den letzten Jahren ein relativ hohes Maß von Erfahrungen positiver und negativer Art gemacht.

Ist das sozusagen aufgrund von archetypischen Konstanten so, oder: Sollte man das auch so lassen? Ist das also auch ein ethisches, professionelles Ziel, dass diese persönlichen Noten mit hineinkommen?

Ich glaube nicht, also ich würde nicht sagen, man sollte das so lassen, denn in vielen Fällen ist eine mangelnde Reflexion auf diesen Zusammenhang ja kein besonders gutes Steuerungsinstrument für die Einschätzung der eigenen Tätigkeit. Ich glaube schlicht, man kann nicht anders, es sei denn, man ist in der Lage, auch sich selber soweit zur Disposition zu stellen, seine eigene Beobachterfunktion stärker auszubauen, als das sonst üblich ist. Was natürlich auch wieder dazu führt, dass man andern gegenüber Kälte abstrahlt, was mir sehr oft vorgeworfen wird.

Und die Arbeitsleistungen, die du im Wissenschaftsbereich gebracht hast und bringst, die sind ja gar nicht erklärbar, wenn man nicht unterstellt, dass der Mann auch Spaß daran hat. Da muss doch irgendetwas sein, was ihn über Pflichterfüllung, die man sieht, über Broterwerbsgründe hinaus in eine Richtung treibt, die ihn puscht und immer wieder zieht, und ihn an den Schreibtisch fesselt, das muss doch irgendwie in den Griff zu kriegen sein, da ist doch immer wieder jemand, der will doch noch was wissen. Also, muss noch mehr da sein.

Ja, dass es mir Spaß macht. Ich glaube sonst hätte ich es nicht gemacht. Ich bin kein Masochist. Es macht mir Spaß bei allem Frust, bei aller Mühe, die es natürlich mit sich bringt und ich bin schrecklich neugierig und wahrscheinlich auch ehrgeizig.

Also, was du anfängst, das machst du auch zu Ende?

Solange ich es für vernünftig halte, und zwar bis zu dem Punkt, wo ich das Gefühl habe, hier kann ich nichts mehr lernen. Dann kann ich allerdings auch verantwortungslos genug sein oder ich tendiere dazu, so etwas wirklich von heute auf morgen abzuschließen; z.B. habe ich mit der Linguistik auf diese Art aufgehört. Auch innerhalb der Literaturwissenschaft gibt es solche Phasen, etwa diese rein analytisch wissenschaftstheoretische Konzeption, bei der ich nach Abschluss des Buches »Literaturwissenschaft als argumentierende Wissenschaft« (1975) das Gefühl hatte, hier geht es nicht weiter. Und das ist auch ein Buch, das in meiner Erinnerung keine große Rolle spielt.

Wie organisierst du dich, wenn du ein Buch schreibst?

Wie meinst du das?

Also, wie geht das los? Du fasst den Plan, dann sammelst du, und dann setzt du dich hin und schreibst?

So idealtypisch ist das nur gelaufen bei dem Buch »Die Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert«, das ich in einem Jahr von der Materialsammlung, von der Idee bis zum fertigen Abschluss gemacht habe, weil ich in Holland ideale Bedingungen hatte6. Sonst ist es der ständige Kampf, sich die freie Zeit herauszuschneiden aus den laufenden Verpflichtungen. Das ist ein Problem, das mich nervt, solange ich zurückdenken kann. Ich habe permanent das Gefühl, dass ich nicht zum Arbeiten komme. Jeder Projektbericht, jeder Vortrag, den ich zwischendurch machen muss, wenn ich ein Buch »auf der Pfanne habe«, macht mich schrecklich nervös. Meine schrecklich naive Vorstellung ist wirklich die, irgendwann ein permanentes NIAS zu kriegen, wo man frei über seine Arbeit entscheiden kann. Das ist mein größtes psychisches Problem. Und das schafft eigentlich die Stresssituation und nicht die Arbeit selbst. Also, meine Idealvorstellung ist die, morgens aufzustehen und den ganzen Tag in Ruhe intensiv arbeiten zu können.

top

 
1. Abschnitt

2. Abschnitt

3. Abschnitt

4. Abschnitt

5. Abschnitt

6. Abschnitt

Druckversion