Gebhard Rusch & Reinhold Viehoff (Siegen)
50 - Ein SPIEL-Gespräch mit S.J. Schmidt über Wissenschaft, Kunst, Leben, Kunst, Wissenschaft. Abschnitt 6

   
             
 
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6 Vereinigungen, Erweiterungen, Klärungen

Eine konkrete Frage angesichts des Feiertages, der uns am Mittwoch ins Haus steht7. Was erwartest du oder befürchtest du oder siehst du an Entwicklung für unsere Disziplin, für die Literatur- und Medienwissenschaft angesichts der deutschen Wiedervereinigung? Oder Vereinigung, das wird ja alles immer etwas in der Schwebe gehalten.

Da kann ich gleich ganz konkret antworten. Von den Themen her, von der Breite der Basis her, finde ich das eine phantastische Perspektive. Wir können jetzt die Kontakte, die wir bisher relativ informell hatten auf vernünftige Füße stellen. Ich glaube, es gibt in der DDR ein großes Interesse, und es wird eine Vergrößerung der Basis ergeben, allein von den Zentren her, die sich damit beschäftigen. Außerdem fallen uns ja die Themen auf den Tisch. Also von daher...

Dieser Wandlungsprozess sozusagen als Sozialexperiment?

Ja, natürlich. Wir können online studieren, was passiert. Einführung der Medienlandschaft oder Umstrukturierung der Medienlandschaft in der DDR, Einführung des ganzen Werbegeschehens. Das ist natürlich eine Fundgrube. Wenn man jetzt denkt, dass es jetzt auch nach Polen und nach Ungarn, der Tschechoslowakei und vielleicht auch nach Rumänien, Bulgarien so was wie eine Mitteleuropäische Problemlandschaft geben könnte.

Da kommen jetzt verschiedene Dinge zusammen, die wir alle aus leidvoller Erfahrung kennen. Die deutsche Literaturwissenschaft hat in den letzten Jahren einen nicht zu bestreitenden Ruck nach hinten getan und schart sich über ihre Standesorganisationen, vom Germanistentag bis zu Philologenverbänden, ja auffällig per Schulterschluss wieder aneinander. Die haben sehr, sehr wenig Neigung, sich ernsthaft damit auseinander zu setzen, was wir machen, weil es bestandsgefährdend werden könnte. Ich sehe da eine zunehmende Lernmüdigkeit, die unter anderem damit zusammenhängt, dass die Karrierepfründe sehr eng geworden sind, da muss man schon stark Seilschaften bilden, wenn man überhaupt noch eine Chance haben will, berufen zu werden. Das ist auch kein Geheimnis, dass Leute, die empirische Literaturwissenschaft machen, miserable Chancen haben. Das hängt, hat nichts zu tun mit der Qualität, mit der Innovation unserer Arbeit, sondern das hat damit zu tun, dass wir nicht zu den Seilschaften gehören, die in der Berufungskommission die Verteilungskämpfe organisieren. Dazu sind wir soziologisch gesehen zu klein, um da schon angreifen zu können, und dazu sind wir mentalitätsmäßig, und das sage ich mal ganz brutal und größenwahnsinnig, dazu sind wir mentalitätsmäßig zu weit weg, um darauf rechnen zu können, dass man uns fairer behandeln kann.

Auf der anderen Seite ist es natürlich offenbar so, dass in der DDR oder auch in den osteuropäischen Ländern insgesamt mehr so eine Art Benno-von-Wiese-Germanistik beliebt wird, nachdem die sich jahrelang ja eher mit soziologischen Themen oder politisch orientierten Themen auch in der Literatur auseinandersetzen mussten, so dass sie nicht die Interpretationsfreiheiten genossen - wie andere Freiheiten übrigens auch nicht.

Ja, aber ich glaube zumindest auch die KollegInnen aus der DDR, die ich kenne und die sich unter den Bedingungen der letzten zwanzig, dreißig Jahre entschlossen haben, empirische Literaturwissenschaft zu machen, sind ganz bewusst ein Risiko eingegangen. Wer unter den Bedingungen der DDR sich mit Sozialwissenschaften eingelassen hat, und das nicht als großes Nachbeten von marxistisch-leninistischen Vorwortgespenstern gemacht hat, der musste schon ein relativ starkes Kreuz haben. Da haben viele ja auch in ihren Biografien mit Aufstiegsschwierigkeiten bezahlt. Diese KollegInnen werden ganz sicher nicht zu Hermeneuten werden, sondern die werden jetzt die Chance nutzen und sich ungehindert, ohne Repressalien, auch im Methodenfundus im Westen umsehen. Von daher glaube ich, dass ein »Drive« drin ist, den wir ausnutzen können.

Wenn du jetzt mal auf deine, du bist ja jetzt seit über zwanzig Jahren Professor, auf diese zwanzig Jahre deiner Professorenschaft zurückblickst, ohne Träne im Knopfloch oder wie auch immer, und auf die noch länger dauernde künstlerische Tätigkeit, was würdest du dir sagen, welches ist die Empfehlung, die du dir für die nächsten Jahre geben würdest? Oder: die Devise?

Also zunächst mal, ich habe euch gesagt, dass ich aus guten Gründen und nicht aus romantischen Gründen schon relativ früh damit rechnen musste, dass ich nicht alt werde, und ich habe eigentlich inzwischen so das Gefühl, die Tatsache, dass ich nun doch älter geworden bin und vielleicht noch ein paar Jahre älter werde, das ist im Grunde so eine Art Schonzeit, mit der ich nicht gerechnet habe. Und von daher eben auch immer so dieses Schwanken, was fängst du mit dieser Zeit jetzt eigentlich am nützlichsten an? Das macht mir die Entscheidung so schwer. Eine Empfehlung, die ich mir selber geben könnte? ... Ich tue mich schwer damit, weil ich eigentlich mein Leben lang an zu vielen Dingen interessiert war, um in irgendetwas einseitig zu werden.

Das ist ja schon etwas.

Und das möchte ich eigentlich auch so behalten. Aber ich erzähle euch mal eine Anekdote. Als ich Norbert Groeben das erste Mal traf, habe ich ihn nur als jemanden kennen gelernt, der eine phantastische Fähigkeit des name-dropping, des Theorien-Zitierens hatte; er kam mir vor wie ein Laptop, den man aufklappte.

1981?

Nein, das war relativ früh in den siebziger Jahren bei den »Karlsruher Tagungen«8. Das war so ein Erlebnis eines Typs von Wissenschaft, der mich mit frostiger Bewunderung erfüllt hat. Damals habe ich gedacht, so etwas wirst du nie lernen und mich dann aber auch gleich gefragt: Willst du das überhaupt? Und dann hat es mich überrascht, dass Groeben meine Arbeiten ernst genommen hat. Als wir uns das zweite Mal trafen, wieder auf einer Tagung in Karlsruhe, hat er mir Vorwürfe gemacht: »Nun habe ich gerade die Terminologie aus der Textlehre übernommen und wende sie an, und jetzt kommen Sie und entwickeln schon was anderes. Das ist unseriös. Man muss bei einer Position, die man einmal entwickelt hat, auch bleiben. Und die ändert man nicht ohne Grund - und überhaupt, wie kommen Sie dazu, nicht damit weiterzumachen, sondern etwas anderes anzufangen?« Da konnte ich mir aussuchen, »bist du sprunghaft», »inkonsequent«, vielleicht doch »nicht richtig im Metier«, oder was ist das? Und das ist eine Frage, auf die ich bis heute keine Antwort gefunden habe. Ich bin sicher sprunghaft und viel zu emotional für den Job. Das kann ich vielleicht entschuldigen mit Neugierverhalten, aber reicht das?

Forscher und nicht Verweser.

Ja, aber auf der anderen Seite hatte Groeben schon in dem Punkt Recht, das deutet wieder auf meine mangelnde wissenschaftspolitische Fähigkeit...

Schulbildung wird erschwert, wenn alle fünf oder zehn Jahre ein neues Grundkonzept da ist!

...das macht natürlich unseriös in der Branche. Nun gut, das ist zumindest eine der Reaktionsweisen. Ich habe eigentlich immer erlebt, egal wo ich hingekommen bin, dass ich aus Gründen, die ich mir anfangs überhaupt nicht erklären konnte und die mich auch belastet haben, sehr oft polarisiert habe. Es gibt Leute, die mich mögen, und es gibt Leute, die mich nicht mögen. Dazwischen gibt es eigentlich relativ wenige Schattierungen. Und Leute haben mir gegenüber eigentlich immer sehr dezidierte Urteile, die beide irgendwo irrational sind, und das gilt für Männer wie für Frauen, Wissenschaftler, Nichtwissenschaftler, Künstler, Nichtkünstler.

Kann das sein, dass du einen missionarischen Eifer hast und deswegen die Polarisierung? Wenn du eine gewisse Auffassung gewonnen hast, auch dafür kämpfst, dass die als vernünftig von anderen akzeptiert wird. Und dieses ungewöhnliche Verhalten, das du an den Tag legst, denn normalerweise lässt man ja den anderen in Ruhe letzten Endes. Jeder hat sein Terrain abgesteckt, und das ist auch gut so, weil der andere ja auch nicht bei mir in den Garten gukken soll.

Also, das war sicher in den siebziger und frühen achtziger Jahren der Punkt, dass ich viel zu missionarisch wirkte und zu unbeugsam gewesen bin. Ich hoffe, das hat sich ein bisschen abgeschliffen. Aber wenn ich von etwas überzeugt bin, kann ich nicht lau sein. Und das wird von vielen als missionarisch, arrogant oder wie auch immer eingeschätzt. Also, in der Sache kann ich eigentlich schlecht zurückgehen, sonst würde ich es nicht machen. Und da ich es nicht aus wissenschaftspolitischen Gründen mache, gibt das dann so einen Luther-Effekt. Mit allen Lächerlichkeiten, die man sich damit noch einhandeln kann, wenn man nicht Luther ist.

Ich glaube, dass ich als Schreiber kein besonders brillanter Stilist bin, aber ich möchte zumindest für mich in Anspruch nehmen, dass ich einen der geringsten Redundanzgrade innerhalb der deutschen Literaturwissenschaft erzeugt habe. Was es schwierig macht, die Texte zu lesen.

Für einzelne Texte, aber auf die Textkombination insgesamt gesehen gilt das nicht. Über bestimmte Themen hast du ja immer wieder etwas geschrieben.

Um noch einmal auf das Missionarische zu kommen. Ich glaube, eins kann ich wirklich behaupten - trotz meiner Vergesslichkeit - dass ich nie daran geglaubt habe, dass nur das, was ich mache, die Wahrheit ist. Ich habe meine Position immer für eine Position gehalten, die kontingent war und die ich am liebsten selber verbessert habe. Nur, in dem Moment, wo ich sie vorgetragen habe, da habe ich immer versucht, einhundert Prozent zu geben, da sah ich keine Möglichkeit zu sagen: »Na ja, aber das müsst Ihr alles gar nicht so ernst nehmen.« Dann habe ich auch an andere den Anspruch gestellt, sich ernsthaft mit dem auseinander zu setzen, was ich vorgetragen habe. Und dabei habe ich sicher auch manchmal unbeugsam und arrogant reagiert. Sehr arrogant bin ich, glaube ich, nicht, aber das kann man selber nicht wissen. In dem Moment war einfach die Überzeugung da - »Also jetzt bitte nicht fünfzig Prozent von dem, sondern jetzt möchte ich es aber genauso diskutiert wissen und ernstgenommen wissen« - und dann war es mir lieber, wenn jemand überhaupt nicht darauf eingegangen ist, als wenn diese freundlichen Antworten kamen.

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